Dinner im Schloss 2024 - Toni-L
Toni-L über Hip Hop, Heidelberg, kulturelles Erbe und Fremd im eigenen Land
Einleitung
In diesem Gespräch beim Dinner im Schloss spricht Reza Mehman mit Toni-L, einer prägenden Stimme des deutschen Hip Hop aus Heidelberg, über die Entstehung von Advanced Chemistry, die anhaltende Relevanz von „Fremd im eigenen Land“ und die kulturelle Kraft von Hip Hop. Es geht um Rassismus, Identität, kulturelle Bildung, Archivierung und die Frage, wie Hip Hop über Generationen hinweg Werte, Wissen und Gemeinschaft weiterträgt. Gleichzeitig wird deutlich, warum Heidelberg für die deutsche Hip-Hop-Geschichte ein besonderer Ort ist.
Zusammenfassung
Toni-L blickt auf die Entstehung von Hip Hop in Heidelberg und die Pionierrolle von Advanced Chemistry zurück. Er erklärt, warum „Fremd im eigenen Land“ aus konkreten Erfahrungen von Alltagsrassismus entstanden ist und bis heute aktuell bleibt. Zugleich betont er, dass Hip Hop für ihn immer mehr Kultur als Kommerz war und dass Glaubwürdigkeit der zentrale Maßstab geblieben ist. Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die Bildungsarbeit mit jungen Menschen, für die Rap zu einem Werkzeug für Sprache, Ausdruck und Selbstvertrauen werden kann. Mit dem Freien Hip Hop Institut will Toni-L die Geschichte, Philosophie und gesellschaftliche Bedeutung von Hip Hop langfristig bewahren und in Heidelberg stärker verankern.
Panel Teilnehmer
Toni-L
Hip Hop Icon aus Heidelberg
Reza Mehman
Founder & Host vom Dinner im Schloss
Kontext
Wer spricht
Reza Mehman spricht mit Toni-L, einem Mitgründer von Advanced Chemistry und einer prägenden Figur des deutschen Hip Hop aus Heidelberg.
Worum geht es
Im Mittelpunkt stehen die Entstehung von Hip Hop in Heidelberg, die Geschichte von Advanced Chemistry, die gesellschaftliche Bedeutung von „Fremd im eigenen Land“ und die aktuelle Arbeit rund um das Freie Hip Hop Institut.
Warum ist das relevant
Das Gespräch zeigt, wie kulturelle Bewegungen gesellschaftliche Debatten beeinflussen, wie Hip Hop Identität und Bildung stärken kann und warum kulturelles Erbe nicht nur bewahrt, sondern auch aktiv weitergegeben werden muss.
Themen-Cluster / Einordnung
1. Hip Hop als Kultur und Haltung
Toni-L erklärt Hip Hop nicht nur als Musik, sondern als umfassende Kultur mit eigenen Werten, Ausdrucksformen und einer klaren Philosophie.
2. Rassismus, Identität und gesellschaftliche Realität
Das Gespräch macht deutlich, dass Erfahrungen von Ausgrenzung und Zugehörigkeit schon vor über 30 Jahren Thema waren und bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
3. Pionierarbeit im deutschen Hip Hop
Advanced Chemistry steht für einen frühen, eigenständigen und inhaltlich ernsthaften Deutschrap, der sich bewusst gegen kommerzielle Anpassung entschieden hat.
4. Bildung, Weitergabe und kulturelles Erbe
Hip Hop wird hier als Werkzeug für kulturelle Bildung, Sprachförderung, Selbstbewusstsein und Gemeinschaft beschrieben.
5. Archivierung und Zukunft von Hip Hop in Heidelberg
Mit dem Freien Hip Hop Institut soll die Geschichte dokumentiert, erforscht und in Heidelberg sichtbarer gemacht werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einführung in das Gespräch mit Toni-L
- Warum „Fremd im eigenen Land“ bis heute relevant ist
- Was Hip Hop kulturell bedeutet
- Die Anfänge von Advanced Chemistry in Heidelberg
- Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und Pionierarbeit im Deutschrap
- Heidelberg als prägender Ort der Hip-Hop-Kultur
- Rap als Sprache, Bildung und Bewusstseinsarbeit
- Das Freie Hip Hop Institut und die Archivierung des kulturellen Erbes
- Hip Hop in Schulen, Forschung und gesellschaftlicher Praxis
- Ausblick auf Podcast und Hip-Hop-Küchenparty im Schloss
Kern-Aussagen
- Hip Hop wird von Toni-L als Kultur mit mehreren Elementen, Werten und Bildungsfunktion verstanden.
- Advanced Chemistry entstand aus einem vielfältigen Heidelberger Umfeld und machte gesellschaftskritischen Rap auf Deutsch sichtbar.
- „Fremd im eigenen Land“ war ein früher und prägender Song über Alltagsrassismus und Zugehörigkeit.
- Die Gruppe lehnte kommerzielle Kompromisse ab, um ihre Glaubwürdigkeit zu bewahren.
- Heidelberg wurde zu einem wichtigen Ort der Hip-Hop-Geschichte, auch weil die Künstler die Stadt weit über ihre Grenzen hinaus repräsentierten.
- Toni-L sieht Hip Hop als Form von Nachhaltigkeit, weil Wissen und Werte an die nächste Generation weitergegeben werden.
- Das Freie Hip Hop Institut soll Forschung, Vermittlung und Archivierung miteinander verbinden.
- Hip Hop kann in Schulen jungen Menschen helfen, Sprache, Selbstbewusstsein und Gemeinschaft neu zu entdecken.
- Kulturelle Bildung ist für Toni-L ein wirksamer Weg gegen Angst, Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit.
- Hip Hop soll in Heidelberg sichtbarer werden und ein dauerhaftes Zuhause bekommen.
Fragen & Antworten
Frage: Was versteht Toni-L unter Hip Hop?
Antwort: Toni-L versteht Hip Hop als Kultur, die aus Rap, Graffiti, Breaking und DJing besteht und darüber hinaus auch Wissen, Mode und Werte umfasst.
Frage: Welche Rolle spielte Heidelberg für Toni-L und Advanced Chemistry?
Antwort: Heidelberg war der gemeinsame Ausgangspunkt der Gruppe und wurde durch ihre Auftritte und ihre Repräsentation auf Bühnen weit über die Stadt hinaus bekannt.
Frage: Warum war „Fremd im eigenen Land“ so bedeutend?
Antwort: Der Song machte Erfahrungen von Alltagsrassismus und Ausgrenzung sichtbar und zeigte zugleich, dass Rap auf Deutsch ernsthaft, politisch und künstlerisch stark sein kann.
Frage: Warum lehnten Advanced Chemistry Angebote großer Labels ab?
Antwort: Sie wollten keine inhaltlichen oder kulturellen Kompromisse eingehen und ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren.
Frage: Was meint Toni-L mit Conscious Rap?
Antwort: Er meint damit Rap mit Botschaft, Haltung und inhaltlicher Tiefe, also Texte, die gesellschaftlich etwas aussagen wollen.
Frage: Warum ist Hip Hop für Toni-L nachhaltig?
Antwort: Weil Hip Hop Wissen, Werte und Erfahrungen über Generationen weitergibt und damit kulturelle Kontinuität schafft.
Frage: Was ist das Ziel des Freien Hip Hop Instituts?
Antwort: Das Institut will Hip Hop als kulturelles Erbe vermitteln, erforschen und archivieren.
Frage: Welche Wirkung kann Hip Hop in Schulen entfalten?
Antwort: Hip Hop kann Sprachkompetenz, Ausdrucksfähigkeit, Selbstbewusstsein und das soziale Miteinander stärken.
Frage: Was kritisiert Toni-L am Umgang mit Hip Hop in Heidelberg?
Antwort: Er sagt, dass man in der Stadt selbst kaum merke, welche wichtige Rolle Hip Hop dort gespielt hat und dass diese Geschichte sichtbarer werden müsse.
Frage: Was wurde am Ende des Gesprächs angekündigt?
Antwort: Ein gemeinsamer Podcast mit Toni-L am 29. Mai im Schloss sowie eine Hip-Hop-Küchenparty mit Gourmet-Menü und musikalischem Rahmen.
Zitierfähige Passagen
Hip Hop erscheint in diesem Gespräch nicht als Trend, sondern als kulturelle Praxis mit Haltung, Geschichte und Weitergabeverantwortung. Toni-L verbindet seine persönliche Geschichte mit einer größeren Erzählung über Identität, Sprache, Rassismus und Selbstermächtigung. Besonders stark ist der Gedanke, dass kulturelle Arbeit nicht nur auf Bühnen stattfindet, sondern auch in Schulen, Archiven und im Alltag junger Menschen. Dadurch wird Hip Hop hier als gesellschaftliche Kraft sichtbar, die Erinnerung bewahrt und Zukunft eröffnet.
Highlight-Zitate
„Ich hab mich immer für den kulturellen Teil mehr interessiert als für den kommerziellen Teil.“
„Rap ist etwas Revolutionäres natürlich, aber auch etwas Besonderes, weil du eine besondere Kraft bekommst auf einmal, also eine Superkraft nenn ich es mal.“
„Wir hätten unsere Glaubwürdigkeit verloren und das, was mir auch bis heute wichtig ist, ist die Glaubwürdigkeit.“
„Ich glaub, Hip-Hop ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kulturen aus allen Ländern, Religionen, Hautfarben, Sprachen, all diese Barrieren werden durchbrochen, das spielt da keine Rolle.“
„Es ist nun mal so, ich bin froh, ich komm aus Heidelberg.“
„Wir wollen zeigen, dass Hip Hop etwas ist, was der Gesellschaft, der Kultur und der Menschheit helfen kann, die Welt etwas besser zu machen.“
„Junge Menschen heutzutage sind von Krisen und Angst umgeben.“
Einführung und persönliche Einordnung
Reza Mehman:
Jetzt kommen wir zu einem Künstler aus Heidelberg. Ich hatte es heute Morgen schon angesprochen gehabt, ich bin ein großer Fan von ihm. Er hat nämlich schon vor über 30 Jahren einen Song rausgebracht. Ich hatte es erzählt, ich glaube, es sind ein paar neue Gesichter mit dabei. Nur ganz kurz: Die Recherchen von Correctiv Anfang des Jahres, was dabei rausgekommen ist, mit der Remigration von Deutschen mit Migrationshintergrund, womit meine Kinder gemeint sind, das hat mich tatsächlich ein bisschen verletzt. Allein der Fakt, dass Menschen darüber sprechen.
Und Toni-L hat schon vor über 30 Jahren den Song „Fremd im eigenen Land“ mit seiner Gruppe rausgebracht. Hier in Heidelberg mit seiner Gruppe Advanced Chemistry. Damals schon ein richtig cooler Song gewesen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob er einen Preis dafür gewonnen hat, aber ich weiß, dass er eine ganz, ganz große Auswirkung und Einfluss hatte auf die Hip-Hop-Kultur in Deutschland. Nicht umsonst hat die UNESCO euch oder Hip Hop in Heidelberg als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet. Auch keine so schlechte Leistung, würde ich behaupten.
Und mit Toni möchte ich über die Aktualität des Songs sprechen, was es bedeutet, heute nach 30 Jahren immer noch über die gleichen Themen zu sprechen und was er aktuell so macht und was er an Zukunft vorhat. Toni, vielen Dank, dass du da bist.
Toni-L:
So, hallo zusammen. Danke, dass ihr noch da bleibt, um auch meiner Wenigkeit hier ein bisschen zuzuhören unter so vielen Unternehmerinnen, Unternehmern, aber dazu mehr später.
Was Hip Hop kulturell bedeutet
Reza Mehman:
Genau, ja, Toni, ich bin ganz großer Fan von dir, von Torch, von Advanced Chemistry, ihr habt richtig, richtig coole Musik rausgebracht. Um das aber einordnen zu können: Hip Hop war ja nicht so normal damals vor 30 Jahren. Das heißt, ihr habt da schon sehr starke Pionierarbeit geleistet. Wie kann ich es mir vorstellen? Also war da nichts in dieser Richtung da und ihr wart die Ersten, die was gemacht haben und dann auch gleich so sozialkritische Themen. Wie kann ich mir die damalige Zeit vorstellen?
Toni-L:
Also vielleicht für alle hier Anwesenden würde ich mal ganz kurz erklären, was unter Hip Hop überhaupt verstanden wird, damit wir so eine gleiche Basis haben, weil jeder versteht was anderes unter Hip Hop.
Also Hip Hop, wenn ich von Hip Hop rede, rede ich von der Kultur. Die besteht im Hauptteil aus vier Elementen. Das ist eben der Rap, der Sprechgesang, es ist Graffiti, die Kunst draußen an den Wänden und den Zügen, es ist Breaking, also der Tanz, wie Breakdance auch genannt, auf dem Boden, und das DJing an den Turntables, an den Plattenspielern. Das sind die vier Hauptelemente. Es gibt noch weitere, die dann mit der Zeit entstanden sind, wie zum Beispiel die Mode oder auch Wissen, das ist ganz wichtig.
Und ich hab mich immer für den kulturellen Teil mehr interessiert als für den kommerziellen Teil. Und um da jetzt mal zurückzugreifen: Hip Hop existiert mittlerweile über 50 Jahre und ist tatsächlich 1973 in New York in der Bronx, sagt man, entstanden, als Kool Herc aufgelegt hat. Das sagt man so, ist so der Startpunkt. Der Rap selbst hat natürlich schon in irgendeiner anderen Form existiert, ist aus den Bürgerrechtsbewegungen entstanden. Man hat in Reimform seine Inhalte vermittelt und ist, wenn sie denn nicht dem System entsprachen, auch dafür ins Gefängnis gekommen. Muss man sich vorstellen, das waren auch die Zeiten der Apartheid.
Und Rap ist etwas Revolutionäres natürlich, aber auch etwas Besonderes, weil du eine besondere Kraft bekommst auf einmal, also eine Superkraft, nenn ich es mal. Und die hält bis heute an. Viele neue junge Generationen sehen wir heute immer noch Hip Hop leben, vielleicht in einer anderen Form, abgewandelt, der Zeit angepasst, anderer Sound, vielleicht auch andere Klamotten. Aber der Geist lebt immer weiter und kann sich immer wieder neu erfinden. Das ist die Formel von Hip Hop.
Heidelberg, Vielfalt und die Anfänge von Advanced Chemistry
Toni-L:
Und mich persönlich, ich war Anfang der 80er, und ich bin hier in der Altstadt aufgewachsen, in Heidelberg geboren und aufgewachsen, und ich bin irgendwann durch die Hauptstraße gelaufen und dann haben da türkische Kids auf dem Karton getanzt und dann hab ich gedacht, wow, cooler Start-up. Also mich hat das einfach total fasziniert. Und dann hab ich auch gedacht, okay, das muss ich auch ausprobieren. Ich hab dann auch angefangen zu breaken, bin Tänzer gewesen, erst bevor ich mich der Sprache gewidmet habe, und mir hat das sehr viel gegeben.
Ich war auch ein Schlüsselkind, war viel auf der Straße unterwegs, bei Freunden zu Hause, da wo es halt immer was zu essen gab. Nein, aber es war immer eine sehr schöne Sache, weil zum Beispiel mein Vater, weil du jetzt auf „Fremd im eigenen Land“ angesprochen hast, was die Diskriminierung oder den Rassismus angeht, ich möchte jetzt gar nicht harte Fälle vorstellen, wie schlimm das alles ist, sondern es geht auch ein bisschen um den alltäglichen Rassismus. Also oder ging es uns damals. In den 70er- und 80er-Jahren hast du das in der Grundschule erfahren. Vater Italiener und Toni Macaroni war Standard.
Aber es war für mich spielerisch, also ich konnte damit umgehen, es war jetzt nicht so, dass ich damit komplett überfordert war. Ich konnte mich schon verteidigen. Aber trotzdem war es im Hip Hop so, als wir dann da zusammen getanzt haben und alle diese Vielfalt, diese verschiedenen Hintergründe, die jeder mitgebracht hat, dort keine Rolle gespielt haben. Dort hat nur gezählt, was du kannst, welchen neuen Move du kannst oder ob du Applaus bekommen hast. Du bist mit deinen Leuten rumgezogen und hast auch dieses Gefühl einer Familie gehabt. Und das hat dich gestärkt und du hast auf einmal ein neues Bewusstsein entwickelt.
Und wir als Kids aus den 70er- und 80er-Jahren, wie man so schön sagt heute, mit Migrationshintergrund, ja, also Torch Haiti, Linguist Ghana, dann hatten wir noch G-One, der kam aus Chile von seinen Eltern. Also wir waren ein bunt gemischter Haufen. Deswegen haben wir uns auch 1987 gegründet und nannten uns Advanced Chemistry, die fortgeschrittene Chemie. Unsere Zusammensetzung ist fortgeschritten, ist vielfältig, hat eine Vision auch, um die Gesellschaft zu verbessern.
Und Rassismus zum Beispiel damals war ein Thema, das war ein Tabuthema. Es wurde nicht wirklich öffentlich viel darüber gesprochen. Es hat einfach stattgefunden, man hat darüber gelacht. Es wurden ja auch viele Dinge noch so anders benannt, die jetzt umbenannt wurden, die diskriminierend waren oder Menschen verletzt haben. Und wir haben dafür gekämpft, das zu verändern. Wir wussten natürlich am Anfang auch nicht, wie. Und es war jetzt auch nicht unsere Mission, in die Politik zu gehen. Wir waren noch jung und haben keine Ahnung gehabt, dass das mal dieses Ausmaß bekommt.
Reza Mehman:
Das wurde ja dann auch von der UNESCO ausgezeichnet.
Werte, Nachhaltigkeit und kulturelle Weitergabe
Toni-L:
Ja sowieso, also das haben wir nie gedacht, nie im Leben gedacht. Was aber vielleicht auch zu dem Titel geführt hat, immaterielles Kulturerbe, das möchte ich hier auch noch mal betonen, weil es geht hier auch um Nachhaltigkeit. Es wird immer von Nachhaltigkeit gesprochen und es ist auch wichtig. Und ich glaube auch, was wir machen oder wenn ich jetzt reflektiere und zurückblicke, was wir immer gemacht haben oder wofür ich immer bis jetzt gelebt habe, ist diese Nachhaltigkeit, bestimmte Werte zu erhalten und zu verkörpern und auch weiterzugeben.
Hip Hop hat eine Philosophie, die nennt sich Each One Teach One. Man gibt sein Wissen an die weitere Generation weiter. Das machen ja alle quasi so. Und das habe ich immer sehr stark verinnerlicht. Das hat mir immer sehr viel bedeutet. Und wir aus der ersten Hip-Hop-Szene, also ersten Generation der Hip-Hop-Szene in Deutschland, wir sind noch mit so Begrifflichkeiten aufgewachsen wie Peace, Love, Unity and Having Fun. Also Frieden, Liebe, Unity, genau, eine Einheit bilden und eben Spaß haben. Genau das ist wichtig.
Und es wurde ja auch so vieles, hab ich auch, möchte ich mal zurückgeben. Ich bin seit heute Morgen hier, durfte alles verfolgen und ich fand das total spannend und interessant. Und ich glaube, dass so etwas, was hier passiert, gerade unglaublich wichtig ist, weil wir alles Menschen sind, die unterschiedlich auf unterschiedliche Art und Weise versuchen, die Welt ein bisschen zu verbessern. Jeder ist auf einem anderen Feld unterwegs. Und ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir heute kommunizieren und zusammenkommen und bei dieser Schnelllebigkeit auch mal kurz eine Entschleunigung erfahren und dann eben überlegen, wie könnte es weitergehen oder wen gibt es denn noch, der gute Sachen macht.
Also und deswegen erstmal danke und Respekt dafür, dass du das hier auf die Beine stellst. Applaus für Reza, bitteschön.
Reza Mehman:
Genau, danke, danke, danke, danke. Also für mich ist es eine riesige Ehre. Überhaupt, nicht so viele Menschen, ja, vielen Dank, wirklich.
Fremd im eigenen Land, Deutschrap und Unabhängigkeit
Toni-L:
Ja, und es ist so, dass wir dann am Anfang unsere erste Platte rausgebracht haben. Und es war nicht nur so, dass wir die erste Platte rausgebracht haben, das war eben „Fremd im eigenen Land“. Und wir haben damals gedacht, ey, vielleicht ist das die einzige Platte, die wir jemals in unserem Leben rausbringen werden.
Reza Mehman:
Mit der Einstellung seid ihr drangegangen.
Toni-L:
Ja, mit dieser Einstellung. Weil wir wussten, ich muss dazu sagen, die Plattenfirmen, die großen Konzerne, die kommerziellen, die haben uns natürlich abgeschmettert. Weil wir hatten damals mit „Fremd im eigenen Land“, sind wir da in die großen Major Labels marschiert, haben das auf den Tisch gehauen und dann haben die gesagt, ja, das ist ja gut und schön, aber das ist fünf Minuten Rap, also nicht radiotauglich. Das ist der Lieblingsbegriff, einer meiner Lieblingsbegriffe: nicht radiotauglich.
Und dann wurden uns so Angebote gemacht. Okay, wir können das machen, aber auf der B-Seite kommt dann ein Techno-Remix von einem DJ aus Frankfurt und nur das ist die Bedingung. Und dann haben wir halt abgelehnt. Und das war vielleicht gut so. Wir sind den schweren Weg gegangen. Man kann immer schnelle Angebote annehmen und sagen, oh super, für den Moment super. Aber was bedeutet das langfristig? Wir hätten unsere Glaubwürdigkeit verloren. Und das, was mir auch bis heute wichtig ist, ist die Glaubwürdigkeit. Also dass ich das vertrete, an das ich glaube. Was möchte ich repräsentieren? Und ich möchte die Kultur repräsentieren und ihre Werte.
Und dann haben wir selber eben eine Plattenfirma gegründet. Wir hatten keine Ahnung, wie man eine Plattenfirma gründet oder wo man auch eine Platte presst. Das haben wir uns alles selber beibringen müssen und Fehler gemacht, sicher. Und es war auch gut so, weil wir unglaublich viel gelernt haben. Wir haben unsere eigenen Strukturen geschaffen. Bevor Hip Hop überhaupt im Land von den Medien richtig repräsentiert oder präsentiert wurde, haben wir dafür gesorgt, selber Strukturen zu haben, die uns unabhängig existieren lassen konnten.
Also wir haben ein eigenes Studio gemacht, wir haben eine eigene Plattenfirma gegründet, wir haben unsere ersten Tourneen selbst organisiert. Torch zum Beispiel hat einen Hörer in die Hand genommen und hat einfach bei den Clubs angerufen und gesagt: „Hey, wir sind eine Band, wir wollen bei euch auftreten. Wie sieht es aus?“ Und es hat geklappt. Start-up, Start-up, genau. Ohne Navigationssystem, gab es ja natürlich nicht. Ich rede von den 80ern. Und dann sind wir einfach losgezogen.
Und ich glaube, der Mythos Hip Hop Heidelberg ist groß geworden, nicht weil wir in der Stadt etwas Besonderes gemacht haben, sondern weil wir die Stadt verlassen haben. Und egal auf welcher Bühne wir in der Welt standen, haben wir immer gesagt: „Jo, Heidelberg represent.“ Also wir haben Heidelberg repräsentiert und dadurch wussten alle immer, oh, die Heidelberger kommen wieder. Wir haben immer was hinterlassen.
Und es gab auch noch kein Hip-Hop-Publikum. Ich hatte vorhin mit jemandem gesprochen, es gab Punk. Wir haben Punks gehabt als Publikum, weil die hatten die autonomen Zentren, die uns eine Bühne zur Verfügung gestellt haben. Und dann kam das eine zum anderen. Und dann haben wir 1990 schon in Bern auf „CH Fresh“ Deutschland repräsentiert auf dem ersten europäischen Hip-Hop-Festival in Bern. Und das war so dann da auch, ich möchte nicht sagen, der Durchbruch, aber wir waren dann schon, bevor wir eine Platte rausgebracht haben, waren wir mal Stars. Deswegen auch der Titel. „Wir waren mal Stars“, der Song von Torch, vielleicht kennt den jemand, da bin ich auch mit dabei. Und das basiert darauf, dass wir eigentlich, bevor wir die Platte rausgebracht haben, „Fremd im eigenen Land“, unseren ersten Tonträger, schon die Häuser gefüllt haben, also ausverkauft und gerockt. Und es war eine besondere Situation. Die Szene ist gerade entstanden.
Und Networking war da auch schon immer wichtig. Ich glaube, Hip Hop ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kulturen aus allen Ländern, Religionen, Hautfarben, Sprachen, all diese Barrieren durchbrochen werden. Das spielt da keine Rolle. Du bist das, was du vielleicht, wenn du zum Beispiel einen speziellen Namen hast oder eine Hautfarbe, die irgendwo nicht angenommen werden sollte und du diskriminiert wirst, das, was im System nicht funktioniert, das kann im Hip Hop dir eine Kraft geben, eine Stärke geben.
Von damals bis heute
Toni-L:
Und um jetzt mal den Bogen von damals nach heute zu bringen, denn natürlich sind jetzt Jahrzehnte vergangen. Ich bin immer noch aktiv. Was ist in dieser Zeit alles passiert? Ja, ich bin auch dreifacher Vater, ich bin ganz viel, ich bin auch noch Künstler, natürlich. Ich hab auch erst verstanden, KI, es wird ja dauernd von KI gesprochen, und ich hab mich da irgendwie verlesen, weil ich gedacht hab, du hast mich deswegen auch eingeladen, weil du hast ja künstliche Intelligenz und ich hab aber Künstlerintelligenz. Ja, ich bin ja die Künstlerintelligenz. Sehr gut, genau. Deswegen identifiziere ich mich natürlich auch damit.
Aber was bei der künstlichen Intelligenz ist, ist natürlich auch jetzt revolutionär und besonders. Was damals bei uns revolutionär war, ist, dass wir am Anfang auf Deutsch gerappt haben, als es noch so gesehen keiner gemacht hat. Vielleicht haben es viele gemacht, das stimmt, aber auf eine andere Art und Weise. Wir waren die Ersten, die Conscious Rap, sagt man dazu, also Rap mit einer Botschaft, auf Deutsch gemacht haben, ohne Klamauk.
Also bis dahin war Deutschrap oder deutschsprachiger Rap immer etwas, worüber man eher gelacht hat. Es war immer etwas, das man nicht ernst genommen hat. Und auch in der Hip-Hop-Szene gab es ganz viele, man hat alle, die später dann auf Deutsch gerappt haben, aber vorher auf Englisch begonnen haben, wir haben auch auf Englisch begonnen, so wahrgenommen, dass eben keiner wirklich gedacht hätte, dass man das auf Deutsch machen kann, ohne sich lächerlich zu machen.
Und „Fremd im eigenen Land“ war eben einer der Songs, die vieles ausgelöst haben. Auf mehreren Ebenen. Einmal deutschsprachigen Rap zu zeigen, dass er mit einer Message, mit einer Botschaft ernst genommen werden kann. Es gab zu der Zeit noch nicht ein Video, das so viele Afrodeutsche oder Minderheiten, wenn man so möchte, in einem Video gezeigt hat. Also das Bild aus Deutschland, weil es wurde damals auf MTV europaweit ausgestrahlt. Das heißt, man hat sich im Ausland gewundert: Was passiert da? Wer ist das?
Also da haben wir eine große Aufmerksamkeit auf uns lenken können, aber das haben wir natürlich nicht so geplant. Wir wussten nicht, dass es so durch die Decke gehen wird. Dann ist es so gekommen, dass wir dadurch natürlich vieles ausgelöst haben. Und „Fremd im eigenen Land“, der Text selber und viele andere unserer Texte, haben es auch in Bücher geschafft, Schulbücher, Sachbücher, Lernbücher, um Deutsch zu lernen. Es gab da ganz viele, also Reclam, Langenscheidt et cetera.
Und ich möchte nur sagen, was mich jetzt heute bewegt, weil ich könnte jetzt stundenlang reden, aber das will ich natürlich nicht. Mein Magen knurrt auch. Also so ist es nicht.
Brian Witt und die Entwicklung von Hip Hop
Toni-L:
Ich muss erstmal sagen, mit meinem Kollegen, der hier sitzt, Brian Witt, der hier hinten mit der Brille, genau, sehr cooler Typ, könnt ihr auch mal später ansprechen, hat ganz tolle Karten dabei.
Reza Mehman:
Brian, könntest du bitte kurz aufstehen, dass jeder weiß?
Toni-L:
Ja, genau, das ist der Brian. Er ist Sprachwissenschaftler und Rapper und Hip Hopper sowieso und Graffiti-Maler. Und es ist zum Beispiel witzig, wie sich die Geschichte manchmal entwickelt. Er kommt aus dem Berner Oberland, Thun, Schweiz. Also wir haben uns in Bern auch kennengelernt. Und Bern war ja auch, wie ich schon gesagt habe, unser erstes internationales Festival, wo wir gespielt haben.
Und heute füllt Hip Hop ja Stadien. Also heute ist Hip Hop für viele Unternehmen relevant, es werden Filme gedreht, die werden von Porsche finanziert und so weiter und so fort.
Reza Mehman:
Ich hab da einiges von dir gesehen.
Toni-L:
Ja, ja, ich war noch kein Porsche, vielleicht kann mir ja da jemand helfen. Nein, es ist egal, ich brauch keinen Porsche. Jetzt, genau, Nachhaltigkeit. Wer ist mit dem Fahrrad hier? Ah, ah, ah, genau da. Ah, zu Fuß, okay, das zählt doch. Wer ist zu Fuß hier? Oh, Respekt, genau. Ja, ich bin mit dem Fahrrad hier, wollt ich nur mal kurz angeben. Sehr, sehr cool, genau. Ohne Elektro, ohne Elektro hochgefahren.
Rezas Bitte um einen Rap-Vortrag
Toni-L:
Willst du jetzt noch eine Frage stellen oder soll ich einfach weitererzählen?
Reza Mehman:
Bitte, ich würde noch eine Frage stellen, aber du kannst, bitte.
Toni-L:
Was dir auf dem Herzen liegt.
Reza Mehman:
Also ja, was mich jetzt natürlich sehr begeistern würde, was mich interessiert: Du hast von Conscious Rap gesprochen, das heißt Texte, wo man sich auch Gedanken drüber macht, Poesie kann man dazu sagen. Also wenn du Lust hättest, vielleicht eine Geschmacksprobe zu geben, damit die Leute sich was vorstellen können. Also, wer hätte Lust drauf?
Toni-L:
Okay, weil du es bist. Hey, nein, aber also ich werde euch einen Text vortragen. A cappella live, kein Playback, über Heidelberg. Und das ist ein Text, den hab ich mit Advanced Chemistry geschrieben, also mit Torch und Linguist zusammen. Den haben wir 1991 auf unserem ersten Demotape rausgebracht. Für uns war das schon: Ey, wir haben eine Kassette draußen.
Reza Mehman:
Ja, darf ich ganz kurz sagen: Linguist, damaliges Gruppenmitglied, ist heute auch Professor für Linguistik.
Toni-L:
Genau, crazy, crazy. Also, wie gesagt, wir haben das nicht gespielt. Wir waren oder sind, ich hab damals auch, mein erster Solotrack hieß „Toni der Koch“, weil ich hab damals Koch gelernt und ich bin gelernter Koch. Und ich hab gewusst, nach der Kochlehre, wenn ich die Kochlehre überstehe, schaff ich alles. Ja, da weiß ich einfach, ich bin zu allem fähig.
Nein, aber okay, dann kick ich jetzt einfach mal den Text über Heidelberg, weil dann seht ihr auch, welche Poeten wir waren oder sind. Weil wir haben zwar „Fremd im eigenen Land“ gebracht, das muss man sich vorstellen, auf der Zunge zergehen lassen, aber die gleichen jungen Kerle haben parallel dazu auch „Heidelberg“ geschrieben. Und es ging so:
Rap-Passage: Heidelberg
Toni-L:
Heidelberg, Stadt der Dichter und Denker und Philosophen.
Über diese Stadt gibt es viele Strophen, gedichtet oder anders hergerichtet.
Im Sommer, im Winter am Kachelofen.
1196 hat sie ihren Namen bekommen, die Geschichte dieser Stadt ihren Anfang genommen.
Die Spur akademischer Kultur war gelegt, hatte begonnen.
Magnet ist ein stößtiger Kolonnen.
Martin Luther kam in Ortsmitten mit seinen Bitten, brachte dort mit seinen Lippen die Kirche ins Wippen.
Doch lasset mich nur noch nach diesen Abschnitten und sechs nächste Kapitel hinüber schnippen.
Es sei dahingestellt, gefragt und dies ist nicht gewagt, warum dieser Ort unter anderen herausragt.
Dort fahren wir fort, ein sicherer Hort, das fällt sofort ins Auge, nimm mich beim Wort.
Ethnische Vielfalt in jeder Art Gestalt, viele verschiedene Tasten, ein Akkord erschallt.
Dies gibt der Stadt ihr gegenwärtiges Antlitz, ist der eigentliche Grund, warum sie so interessant ist.
Mit Demut blick ich zurück, weit auf ein schönes Stück Kindheit und eine Jugendzeit, geprägt von Offenheit.
Was nützt es, wenn ich meine Gefühle verberg?
Es ist nun mal so, ich bin froh, ich komm aus Heidelberg.
Reza Mehman:
Yeah, mega, mega, vielen Dank. Du hast mir einen riesigen Gefallen damit getan.
Das Freie Hip Hop Institut
Reza Mehman:
Vielleicht noch eine aller, aller, aller letzte Frage. Du startest gerade ein Institut. Vielleicht kannst du kurz darauf eingehen. Es geht darum, natürlich auch den Hip Hop zu archivieren sozusagen, um ihn für die Zukunft zu erhalten.
Toni-L:
Genau, ich hab es mal angedeutet vorhin, was mir Hip Hop bedeutet. Und mit Frederic Hahn, Ryan Witt und mir, also Frederic Hahn ist Torch, manche werden ihn vielleicht kennen, haben wir zu dritt jetzt ein Institut gegründet. Das nennt sich das Freie Hip Hop Institut.
Was machen wir, was wollen wir damit bezwecken? Wir wollen sozusagen dieses Erbe, dieses kulturelle Erbe, wofür wir jetzt auch zum Beispiel die Auszeichnung bekommen haben, eigentlich das machen, was wir schon immer machen. Nur wollen wir da sichtbarer werden. Wir wollen zeigen, dass Hip Hop etwas ist, was der Gesellschaft, der Kultur und der Menschheit helfen kann, die Welt etwas besser zu machen.
Und wir haben drei Säulen. Hier stehen schon zwei. Das eine ist kulturelle Vermittlung. Das heißt, wir sind in Schulen, wir sind an Universitäten, wir sind in Unternehmen, teilweise auch mit Rap-Workshops, Graffiti. Wir teachen auch die Philosophie. Es gibt auch eine große Philosophie und viele Bücher über Hip Hop, wo man sehr tief in die Materie gehen kann.
Dann geht es um Forschung. Es gibt noch viele Fragezeichen zu Hip Hop. Also vieles ist in Büchern erklärt mittlerweile, aber es gibt natürlich auch viele Wahrheiten. Jeder hat seine Sichtweise, jeder hat eine individuelle Realität. Und da ist es sehr spannend, weil gerade in den 80ern zum Beispiel, als die Welt noch nicht so digital erfasst war wie heute, gibt es viele Stellen, wenn man das jetzt als Buch präsentieren wollte, wo viele Seiten fehlen würden. Und wir wollen diese Seiten so gut wie es nur geht ersetzen oder füllen, damit das Buch vollständig wird.
Weil es gibt auch viele Protagonistinnen und Protagonisten aus der Zeit, die vielleicht auch in Vergessenheit geraten sind, weil sie im kommerziellen Rahmen nicht so stattgefunden haben oder keinen großen Erfolg hatten mit irgendeinem Hit oder so, aber trotzdem eine inspirierende Figur dargestellt haben. Das ist uns zum Beispiel wichtig, das ist diese Forschung.
Und dann ist es natürlich auch die Archivierung. Wir arbeiten mit dem Stadtarchiv Heidelberg zusammen. Da hat jetzt zum Beispiel Frederic Hahn, Torch, seine Sammlung abgegeben, die wurde jetzt innerhalb der letzten drei Jahre erfasst. Wir müssen auch als Übersetzer arbeiten, weil wir Hip Hopper ja eine eigene Sprache haben. Jede Tanzbewegung hat einen eigenen Namen, auch im Graffiti, für jeden Buchstaben oder jede Art und Linie, wie man eine Linie fährt oder sprüht. Das ist wirklich eine Wissenschaft für sich. Und das muss man natürlich auch bei der Erfassung bedenken.
Wenn man so eine Datenbank erstellt, wie kann ich denn Hip Hop jetzt überhaupt archivieren? Und was archiviere ich dann? Zum Beispiel auch die Gerätschaften. Mit was haben wir in den 80ern überhaupt aufgenommen? Ein Vierspurgerät mit einer Kassette. Wie hat man das gemacht und warum? Computer konnten wir uns nicht leisten oder vieles kam dann erst später.
Heute ist es natürlich super schön und einfach, Musik machen zu können, ohne ein großes Portemonnaie haben zu müssen, weil einfach diese ganzen Apps und digitalen Möglichkeiten existieren. Aber spannend ist es doch auch zu sehen: Wie innovativ war Hip Hop damals, aus dem Nichts so etwas Großes zu machen, was heute über der ganzen Welt zu sehen ist? Es hat einen großen Erfolg, es werden Milliarden umgesetzt mittlerweile und ich war auf dem Karton noch in den 80ern und hab da gebreakt, jetzt wird es olympisch.
Ja, ich hab mich leider nicht qualifizieren können, obwohl ich bin der Kneespin King. Ja, also auf dem Knie konnte ich mich ganz schnell drehen, aber das mach ich jetzt nicht mehr vor. Sonst komm ich nicht mehr hoch.
Genau, nein, aber es ist auf jeden Fall was ganz Besonderes. Und ich gehe jetzt auch zum Beispiel viel in Schulen und in die kulturelle Bildung. Und wir sehen gerade, wie das Schulsystem unter solchen Herausforderungen leidet und Lehrermangel herrscht. Die Schülerinnen und Schüler befinden sich in einer schlimmen Situation, weil junge Menschen heutzutage von Krisen und Angst umgeben sind. Auch die Angst vor Rassismus, die leider nicht aufhört. Dieser geistige Brandherd ist wieder da und schlimmer denn je.
Das heißt, wir müssen auch junge Menschen stärken. Und es geht nicht darum, aus jedem jungen Menschen einen Hip-Hopper oder eine Hip-Hopperin zu machen, sondern ich habe jetzt in meiner ganzen Laufbahn im Bereich der kulturellen Bildung, ich habe auch schon in Straßburg ein Projekt geleitet, das nannte sich Cartier d’Europe für Kinder aus sozialen Banlieues. Das war ein europäisches Konzept, vom Europäischen Parlament finanziert. Und das war schon 1998, als ich das gemacht habe. Und da habe ich schon gesehen, dass die Kids sich durch Rap zum Beispiel auf einmal auf eine ganz andere Art und Weise ausdrücken können.
Und wenn ich in die Schule gehe und das Kind kann jetzt zum Beispiel seine Gefühle und seine Ängste oder auch seine Meinung einfach ganz offen vor der Klasse vortragen, in Form von Reimen, in einer coolen Art und Weise, dann achte ich ja nicht darauf: Ey, du hast da ein Komma vergessen oder du musst es groß schreiben, das ist ein scharfes S und so weiter. Weil das zählt alles nicht. Es ist alles richtig, was er macht oder sie macht. Und auf einmal freunden sie sich mit der Sprache an und finden Spaß daran, mit der Sprache umzugehen, nicht wie im klassischen Deutschunterricht.
Und als Feedback habe ich schon viele, viele Rückmeldungen bekommen oder wir, dass eben die Kinder sich zum Beispiel im Deutschunterricht verbessern konnten dadurch, Ängste genommen wurden, die Klassengemeinschaft sich verbessert hat, weil das Mobbing aufgehört hat. Ich bin auch Botschafter des Landesmedienzentrums in einem Projekt, das nennt sich „Bitte was? Gegen Fake und Hass“. Und jedes Mal, wenn ich mit Kindern wieder zusammenkomme, entsteht etwas Besonderes, und es ist nicht dahingesagt.
Und deswegen versuchen wir jetzt auch in Form eines Instituts, Heidelberg wieder ein bisschen sichtbarer zu machen. Denn man kommt natürlich in die Stadt und merkt überhaupt nicht, dass hier Hip Hop irgendeine Rolle gespielt hat. Weil wir es ja auch draußen immer repräsentiert haben. Aber ich denke, Heidelberg Hip Hop sollte auch ein Zuhause hier bekommen und sichtbar werden und eine Lokalität, und daran arbeiten wir gerade.
Abschluss und Ankündigung
Reza Mehman:
Toni, vielen Dank, sehr zu danken. Wir sind jetzt auch durch, soweit mit dem Thema. Eine Ankündigung haben wir, glaube ich, noch zu machen. Am 29. Mai war das, glaube ich. Ich muss kurz vielleicht Kontext geben. Neben einmal im Jahr ein Event zu veranstalten, was völlig eskalativ ist vom Aufwand her, also ich sage auch immer, es ist ein super eskalatives Hobby für mich geworden, das Ding am Schloss, macht aber unglaublich Spaß, habe ich auch noch ein weiteres Hobby, das ich gerne betreibe, und zwar das Thema Podcasten.
Da war zum Beispiel Eva Ries schon als Gast mit dabei. Torch, Frederik Hahn war schon mit dabei, da waren auch ein paar andere, viele Unternehmer. Ich glaube, der Oberbürgermeister von Heidelberg war auch schon mal im Podcast bei mir drin. Glaub ich, ja, ich musste gerade noch mal kurz Revue passieren lassen. Und du hast jetzt nach langem Betteln von mir zugesagt: Am 29. Mai machen wir einen Podcast hier zusammen auf dem Schloss.
Ich veranstalte es zum Glück nicht, sondern die Schlossweinstube macht das. In diesem Sinne auch vielen Dank. Haben wir jemanden von der Schlossweinstube da? Gerade gegangen. Okay, genau. Es wird nämlich kombiniert mit deinen Kochkünsten, Toni der Koch. Die Schlossweinstube kocht da etwas sehr Leckeres, du hilfst da aus, so wie ich es verstanden habe. Wir machen vorne dran zusammen einen Podcast und ich habe jetzt von der Schlossweinstube erfahren, also wie gesagt, mit dem Event an sich habe ich nichts zu tun, sondern nur mit dem Podcast, den wir da machen, es gibt einen Rabattcode. Wenn man „Rezas-Dinner“ eingibt auf der Webseite der Schlossweinstube, gibt es da noch einen kleinen Rabatt drauf. Ich will mich bei dir bedanken.
Toni-L:
Du hast jetzt aber nicht erzählt, was ist da passiert am 29. Mai. Bitte, dann muss ich das kurz erzählen. Also, wir gehen gleich zum Essen. Aber ich möchte nur sagen, ihr habt ja gehört, dass ich Koch gelernt habe und ich mache es natürlich auch noch zu Hause im Rahmen der Familie gerne. Und am 29. Mai hat mich Martin Scharff angesprochen, dass ich da eben auch mitmache. Er macht immer so eine Reihe Küchenparty und wenn ich jetzt da bin, wird es halt eine Hip-Hop-Küchenparty.
Das Coole ist, dass man in dem Rahmen auch in die Küche selbst reingehen kann, sich mit den Köchinnen und Köchen unterhalten kann, wie das überhaupt gemacht wurde, und es wird ein tolles Gourmet-Menü wahrscheinlich geben. Einen der Gänge werde ich mitgestalten, mitkochen. Und dann wird es noch guten Hip-Hop-Sound geben, davor den Podcast, freue ich mich sehr noch, vielen Dank dafür, im Schlosshof, sofern das Wetter mitspielt. Und wir werden eine Menge Spaß haben. Und genau, ich würde mich freuen, das eine oder andere Gesicht vielleicht da wieder zu sehen.
Reza Mehman:
Genau, die Karten gibt es ja jetzt schon bei der Schlossweinstube. Super. Herzlichen Dank, Toni, nochmal, danke schön.
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