Dinner im Schloss 2024 - Panel 3

Diversity im Profisport: Gleichbehandlung, Sichtbarkeit und Chancen im Frauenfußball und Parajudo

Einleitung

In diesem Panel spricht Reza Mehman mit Doris Fitschen, Isabella Hartig und Lennart Sass über Diversity im Profisport, Gleichbehandlung im Frauenfußball und die Sichtbarkeit von paralympischen Sportarten. Im Mittelpunkt stehen strukturelle Ungleichheiten, mediale Aufmerksamkeit, Nachwuchsförderung und die Frage, wie sich faire Chancen für Mädchen, Frauen und Athleten mit Behinderung verbessern lassen. Das Gespräch zeigt, wie wichtig Vorbilder, bessere Förderstrukturen und ein Umdenken in Gesellschaft, Vereinen und Medien sind.

Zusammenfassung

Im Zentrum des Panels stehen Gleichbehandlung, Sichtbarkeit und Vielfalt im Profisport. Doris Fitschen macht deutlich, wie stark Frauenfußball historisch benachteiligt wurde und warum Veränderungen an der Basis beginnen müssen. Isabella Hartig schildert, dass sich die Bedingungen im Frauenfußball verbessert haben, kritisiert aber weiterhin bestehende Unterschiede und die ständige Abgrenzung zum Männerfußball. Lennart Sass beschreibt die Realität des paralympischen Leistungssports zwischen täglichem Hochleistungstraining, dualer Karriere und begrenzter Förderung. Insgesamt zeigt das Gespräch, dass Vorbilder, mediale Präsenz und strukturelle Unterstützung entscheidend sind, damit Sport wirklich diverser und gerechter wird.

Kontext 

Wer spricht
Reza Mehman spricht mit Doris Fitschen vom DFB, der Profifußballerin Isabella Hartig von der TSG Hoffenheim und dem Para Judoka Lennart Sass vom Team Deutschland Paralympics.

Worum geht es
Es geht um Diversity im Profisport, Gleichbehandlung zwischen Männern und Frauen, Sichtbarkeit in den Medien, Förderstrukturen im Sport und die Perspektive von Athleten mit Behinderung.

Warum ist das relevant
Das Gespräch macht deutlich, dass Fortschritte sichtbar sind, strukturelle Ungleichheiten aber weiterhin bestehen. Gerade für junge Mädchen, Frauen im Sport und paralympische Athleten sind faire Bedingungen, Vorbilder und Sichtbarkeit entscheidend.

Themen-Cluster / Einordnung 

  • Gleichbehandlung von Mädchen und Frauen im Fußball
  • Sichtbarkeit von Frauenfußball und anderen Sportarten in den Medien
  • Förderstrukturen und Karrierebedingungen im Profisport
  • Inklusion, Barrierefreiheit und Wahrnehmung von Behinderung im Sport
  • Vorbilder, Nachwuchsförderung und gesellschaftlicher Wandel

Kern-Aussagen 

  • Reza Mehman beschreibt, dass ihm viele Fragen rund um Gleichbehandlung erst als Vater einer Tochter bewusst geworden sind.
  • Doris Fitschen zeigt auf, wie stark Frauenfußball historisch benachteiligt wurde und welche strukturellen Hürden bis heute nachwirken.
  • Der DFB verfolgt konkrete Ziele bis 2027, darunter mehr Sichtbarkeit, mehr aktive Mädchen und mehr Frauen in Führungspositionen.
  • Isabella Hartig kritisiert den ständigen Vergleich zwischen Männerfußball und Frauenfußball und plädiert dafür, einfach über Fußball zu sprechen.
  • Lennart Sass macht deutlich, dass paralympischer Leistungssport trotz Fortschritten weiterhin unter schwachen Förderstrukturen leidet.
  • Medien spielen eine zentrale Rolle, wenn es um Sichtbarkeit und gesellschaftliche Anerkennung verschiedener Sportarten geht.
  • Vorbilder im Frauenfußball sind heute sichtbarer und für junge Mädchen besser greifbar als noch vor einigen Jahren.
  • Im Frauenfußball gibt es Fortschritte bei Infrastruktur und Stellenwert, aber in Bereichen wie Reha und Regeneration bestehen weiter Unterschiede.
  • Eltern, Trainer und Lehrer spielen eine wichtige Rolle, wenn Mädchen im Sport fair unterstützt werden sollen.
  • Das Panel zeigt, dass Diversity im Sport nicht nur Geschlechtergerechtigkeit, sondern auch Inklusion und Teilhabe umfasst.

Fragen & Antworten 

Frage: Warum ist das Thema Gleichbehandlung für Reza Mehman persönlich wichtig geworden?
Antwort: Weil ihm als Vater einer Tochter bewusst geworden ist, dass Mädchen und Frauen in vielen Bereichen andere Voraussetzungen und Herausforderungen erleben als Jungen und Männer. 

Frage: Welche historischen Benachteiligungen nennt Doris Fitschen im Frauenfußball?
Antwort: Sie berichtet, dass Frauen zwischen 1955 und 1970 im Verein keinen Fußball spielen durften und dass sie ihr Abitur nicht im Fußball machen durfte, weil es dafür keine Bewertungsrichtlinien gab. 

Frage: Welche Ziele verfolgt der DFB bis 2027 im Frauenfußball?
Antwort: Der DFB will internationale Titel gewinnen, mehr aktive Mädchen sowie Trainerinnen und Schiedsrichterinnen gewinnen, die Sichtbarkeit erhöhen und mehr Frauen in Führungspositionen und Gremien bringen. 

Frage: Warum stört Isabella Hartig der Begriff Frauenfußball im alltäglichen Sprachgebrauch?
Antwort: Weil dadurch aus ihrer Sicht unnötig eine Trennung betont wird und Fußball von Frauen weiterhin anders bewertet wird als Fußball von Männern. 

Frage: Welche Unterschiede sieht Isabella Hartig aktuell noch zwischen Männer und Frauenbereich?
Antwort: Sie sieht vor allem im medizinischen und rehabilitativen Bereich noch deutliches Potenzial, obwohl sich die Bedingungen in den vergangenen Jahren stark verbessert haben. 

Frage: Was beschreibt Lennart Sass als zentrale Herausforderung im paralympischen Sport?
Antwort: Er beschreibt ein insgesamt spärliches Fördersystem, das zwar in Teilen gleichgestellt ist, aber finanziell und strukturell weit von kommerziell starken Sportarten entfernt bleibt. 

Frage: Wie organisiert Lennart Sass seinen sportlichen Alltag?
Antwort: Er trainiert morgens am Olympiastützpunkt, nutzt Physiotherapie und Regeneration und absolviert abends Mattentraining, parallel zu seinem Jurastudium in Heidelberg. 

Frage: Welche Rolle spielen Medien laut Doris Fitschen für die Entwicklung des Sports?
Antwort: Medien entscheiden stark über Sichtbarkeit und Nachfrage. Wenn sie mehr Frauenfußball und andere Sportarten zeigen würden, könnte auch das öffentliche Interesse wachsen. 

Frage: Was rät Isabella Hartig jungen Mädchen, die Profifußballerin werden wollen?
Antwort: Der Spaß sollte immer an erster Stelle stehen. Leidenschaft, Disziplin und Ehrgeiz entwickeln sich mit der Zeit. 

Frage: Warum sind Vorbilder im Frauenfußball heute wichtiger denn je?
Antwort: Weil junge Mädchen heute durch Social Media und mehr Medienpräsenz leichter Zugang zu Spielerinnen haben und sich besser mit ihnen identifizieren können. 


Zitierfähige Passagen

Diversity im Profisport bedeutet weit mehr als nur die Frage nach Männer und Frauenfußball. Es geht um Sichtbarkeit, gerechte Förderstrukturen, Vorbilder und die Bereitschaft, gesellschaftliche Denkmuster zu verändern. Das Panel macht deutlich, dass Fortschritte vorhanden sind, faire Bedingungen aber nicht von selbst entstehen. Sie müssen in Vereinen, Verbänden, Medien und im Alltag aktiv gestaltet werden.

Highlight-Zitate 

  • „Das sind so einzelne Themen, die mir erst als Vater bewusst geworden sind, an die ich früher gar nicht gedacht hab.“
  •  „Zwischen 1955 und 1970 waren, waren, durften Frauen im Verein keinen Fußball spielen.“
  •  „Ich würde halt einfach bevorzugen, dass wir einfach über Fußball sprechen.“
  •  „Es gibt in Deutschland ein spärliches Fördersystem für olympische und paralympische Sportarten, das ist immerhin gleichgestellt, weitestgehend.“
  •  „Die Limits, die Barrieren, die vermeintlich eine Behinderung ausmachen, oft im Kopf des Gegenübers.“
  •  „Ich glaub, es wird allmählich und da müssen einfach dann auch die Eltern und die Trainer und die Lehrer eben alle unterstützen.“
  •  „Die jetzigen Nationalspielerinnen, da kann man sich einfach als junges Mädel identifizieren, die sind viel nahbarer.“


Diversity im Sport aus persönlicher Perspektive

Reza Mehman:
Genau, jetzt kommen wir zum nächsten Panel.

Ich freu mich da sehr drauf. Ich muss auch, glaub ich, ein bisschen Kontext geben, warum ein Sportspanel für mich persönlich wichtig geworden ist. Also, ich treib unglaublich gerne Sport, aber ich hab 2 Kids, der eine ist fast 7, die andere ist fast 3 und für mich, ich mach mir da tatsächlich nicht so die Sorgen und Gedanken um meinen Kleinen. Der ist im Verein, alles gut, der macht seinen Sport und so weiter.

Aber wenn man als Mann irgendwann ein kleines, eine kleine Tochter hat, ein kleines Mädchen hat, dann macht man sich schon Gedanken, hey, wie ist das eigentlich mit der Gleichbehandlung? Also, wenn ich jetzt im Verein bin, kriegt sie die gleichen Sachen, wie auch mein Großer zum Beispiel bekommt. Das sind so einzelne Themen, die mir erst als Vater bewusst geworden sind, an die ich früher gar nicht gedacht hab.

Andere Themen könnt ich auch drauf eingehen, mir ist aufgefallen, ich hab vor kurzem mit einer Dame gesprochen gehabt, die mir gesagt hat, dass sie super ungern abends alleine nach Hause läuft. Ich so, ja, warum denn, ja, wegen Sicherheitsthemen. Und da wurd mir bewusst, ja krass, ich als Mann mach mir 0 Gedanken darüber, nachts um 12 nach Hause zu laufen, weil was soll denn passieren. Aber aufgrund verschiedener Faktoren machen sich eben in dem Fall Frauen vielleicht mehr Gedanken darüber, ob sie nachts alleine unterwegs sind, ob sie gleich behandelt werden in Vereinen.

Und jetzt muss ich zugeben, wo ich jetzt viele Gedanken auch um meine Tochter mache, ist mir das Thema Gleichbehandlung noch mal für mich persönlich hochpriorisiert worden. Deswegen war es mir heute sehr wichtig, auch im Kontext von Gleichbehandlung, auch verschiedene Dimensionen hier. Diversity hat ja nicht nur die Gleichstellung zwischen Mann und Frau, wir haben hier, werde ich auch gleich sagen, auch eine andere Diversity Dimension mit dabei, extrem wichtig geworden und ich mag immer Themen miteinander zu verbinden. Deswegen möchte ich heute über Diversity im Profisport sprechen und da habe ich ganz tolle Gäste mit dabei, die ich jetzt auf die Bühne bitten wollen würde.

Vielleicht können wir sie mit einem Applaus empfangen. Das ist einmal Doris Fitschen vom D.F.B., Isabella Hartig von T.S.G. Hoffenheim und Lennart Sass, unsere Paralympics Hoffnung.

Ich stell euch gleich am besten einzeln noch mal vor, aber damit wir auch wissen, mit wem wir es hier zu tun haben. Und zwar Doris Fitschen, vierfache Europameisterin, zweifache Deutsche Meisterin, dreifache Deutsche Meisterin, D.F.B. Pokal, Hall of Fame der D.F.B. Damen. Also unglaubliche Ehre, dass du heute mit dabei bist und ich glaub, das sieht auch ein extra Applaus, wenn ich ehrlich bin.

Mega stark, ich komm auch gleich zu euch, aber damit ich euch gleich die erste Frage stelle. Du bist Profifußballerin lange Zeit gewesen und jetzt siehst du das aus einer anderen Perspektive und zwar beim D.F.B. bist du die Gesamtkoordinatorin des der Frauen im Fußball, kümmerst dich sehr viel um das Thema Gleichbehandlung zwischen zwischen Mann und Frau und da freu ich mich gleich auf die Diskussion mit dir.

Isabella Hartig, Profispielerin vom T.S.G. Hoffenheim, auch danke an dich, dass du heute mit dabei bist. Ich weiß, dass du momentan, glaub ich, verletzt bist, aber ansonsten sehr aktiv bist.

Isabella Hartig:
Ja, genau, also ich bin momentan leider verletzt und arbeite an meinem Comeback und freu mich heute hier zu sein.

Reza Mehman:
Ja, vielen Dank, genau. Und dann haben wir noch Lennart Sass mit dabei, unsere Paralympics Hoffnung für Judo. Sehr cool, dass du quasi hier aus Heidelberg heraus die die Welt eroberst. Vielen Dank, dass du auch heute wieder dabei bist.

Lennart Sass:
Vielen herzlichen Dank.

Frauenfußball früher und heute

Reza Mehman:
Doris, wir hatten ja gesprochen gehabt, für mich immer noch mindblowing, als du mir das gesagt hattest. Zwischen 1955 und 1970 waren, waren, durften Frauen im Verein keinen Fußball spielen. Das ist crazy, find ich ganz ehrlich. Das ist zum einen und das andere ist, du durftest sogar dein Abi nicht im Fußball machen. Das ist crazy für mich.

Doris Fitschen:
Ja, das waren noch andere Zeiten, da hat sich in der Zwischenzeit wirklich eine Menge geändert, aber ich hab wirklich einige Dinge aus dem Weg boxen müssen, um dahin zu kommen, wo ich eben heute bin. Also ich durfte zum Beispiel am Anfang, als ich Fußball spielen wollte, haben meine Eltern das verboten, weil sie gesagt haben, das ist kein Sport für Mädchen.

Ich durfte mein Abi im Gegensatz zu den Jungs nicht im Fußball machen. Ich musste stattdessen Handball machen, weil es für Frauenfußball oder Mädchenfußball keine Bewertungsrichtlinien gab. Und ich könnte noch viele, viele Geschichten erzählen, was ich so eben erlebt habe. Beispielsweise war ich im Übrigen auch nicht lange Jahre Profispielerin, sondern genau genommen nur ein Jahr, weil ich in Deutschland hier einfach kein Geld verdient habe mit dem Fußballspielen, obwohl ich 15 Jahre lang Nationalmannschaft gespielt habe. Ich hab ein Jahr in den U.S.A. gespielt, da wurde eine Profiliga gegründet und da war ich dann zum ersten und einzigen Mal als Profispielerin eben aktiv.

Reza Mehman:
Also ich glaube, es hat sich aber auch schon viel verändert in den letzten Jahren und jetzt aus dem D.F.B. heraus quasi koordinierst du alle Aufgaben, was in diesem Kontext passiert. Kannst du kurz auf die Ziele eingeben, die ihr mit dem D.F.B. habt, was die Gleichstellung zwischen Mann und Frau, Männer und Frauenfußball anbelangt.

Doris Fitschen:
Ja, wir haben vor 2 Jahren, das ist mein Job, auch eine Strategie für Frauenfußball und Frauen im Fußball entwickelt und da haben wir uns 4 ambitionierte Ziele gesetzt, die wir bis 2027 erreichen wollen. Beispielsweise, dass wir mit der Nationalmannschaft und auch mit den Bundesligavereinen internationale Titel einfahren wollen. Wir wollen mehr Aktive gewinnen, also mehr aktive Mädchen, aber auch Trainerinnen und Schiedsrichterinnen. Wir wollen die Sichtbarkeit erhöhen.

Und ein ganz wichtiges Thema und da haben wir noch ein sehr dickes Brett zu bohren, ist das Thema Frauen im Fußball. Das heißt, wir wollen eben auch mehr Frauen in Führungspositionen, beispielsweise beim D.F.B., aber auch mehr Frauen in den Gremien haben, von Verbänden, also von den Vereinen bis oben zum D.F.B. Und da haben wir uns das Ziel gesetzt, 30% der Frauen in Gremien, beispielsweise momentan haben wir 15%, das klingt nicht viel, Luft nach oben.

Reza Mehman:
Ja, das klingt nicht viel. Dazu komme ich auch gleich noch mal wieder.

Frauenfußball, Sprache und Wahrnehmung

Reza Mehman:
Isabelle Hartig, cool, dass du heute mit dabei bist. In unserem Vorgespräch ist mir eine Sache aufgefallen, die fand ich auch sehr cool, was du gesagt hast und zwar dich nervt der dauernde Vergleich zwischen Männerfußball und Frauenfußball. Das ist auch typischerweise so, wie ich dich verstanden hab, wird es wahrscheinlich in Mannschaftssportarten mehr gemacht, aber im Sprinten macht ja auch keiner ein Vergleich zwischen Mann und Frau und da wird ja auch die Zeit nicht zwischen beiden verglichen. Kannst du kurz drauf eingehen?

Isabella Hartig:
Ja, also ich find halt grundsätzlich gerade jetzt in Deutschland, da spricht man halt immer, ja im Frauenfußball ist es langsamer, im Frauenfußball ist es so und so und ja, wenn ich dann überleg, wenn jetzt zum Beispiel im Tennis eine Angelique Kerber gegen eine Serena Williams spielt, dann sagt man ja auch nicht, komm, wir schalten jetzt das Frauentennis ein, sondern das ist halt einfach ein cooles Match und es sind halt 2 Frauen, die jetzt in diesem Tennismatch gegeneinander spielen und dadurch, dass man irgendwie nicht diese Bezeichnung irgendwie rauskriegt, hab ich irgendwie das Gefühl, dass wir halt für Frauenfußball auch keinen Schritt nach vorne gehen können und deswegen ja, würde ich halt einfach bevorzugen, dass wir einfach über Fußball sprechen, weil jeder, ob Mann oder Frau, wir, wir teilen eine Leidenschaft und das ist dieser Fußball und deswegen stört es mich einfach, dass man immer ja über Frauenfußball redet und der Frauenfußball halt gerade manchmal noch in den sozialen Medien und so noch ein bisschen negativ behaftet ist.

Reza Mehman:
Woher kommt das eigentlich, was glaubst du?

Isabella Hartig:
Ja, ich glaub genau, was die Doris schon gesagt hat, weil halt wahrscheinlich der Frauenfußball auch einfach lange nicht erlaubt war und weil jetzt einfach Strukturen aufgebaut wurden, die natürlich einfach aus der Historie noch gar nicht so weit fortgeschritten sein können, wie jetzt im Männerfußball. Und das, ja, der Fußball, der jetzt heute gespielt wird, ist natürlich auch ein anderer, der jetzt vor 10 Jahren gespielt wurde, weil sich da einfach brutal viel entwickelt hat, was ja auch ganz normal ist. Aber natürlich haben wir auch noch im Frauenfußball Strukturen, die eben noch nicht dieses komplett Professionelle da ist und deswegen ja passiert es halt oft, dass man immer noch im Frauenfußball sowas eher Negatives verbindet.

Reza Mehman:
Super schade, ehrlich gesagt, wir sprechen später noch über das Thema auch Sichtbarkeit, glaub ich, wo wir auch noch ein paar Hausaufgaben zu tun haben.

Paralympischer Leistungssport und Förderrealität

Reza Mehman:
Bei dir, Lennart, erst die Frage, wie laufen die Vorbereitungen für die nächste Olympiade?

Lennart Sass:
Spielsmäßig, ich bin jetzt heute hier geehrt, auf der Bühne zu sitzen, aber ansonsten tagtäglich im intensiven Training, um am 6.9. bei den Paralympischen Spielen im Judo abzuräumen. Am 6.9. richtig, im September geh ich auf die Matte, die letzten 2 Jahre lief die Qualifikationsphase, jetzt in 2 Wochen geht es noch mal nach Georgien zum Wettkampf, um letzte Erfahrung und noch mal die Generalprobe zu kämpfen und dann genau geht es in Paris vor dem Eiffelturm in schönster Kulisse auf die Matte.

Reza Mehman:
Ja, mega stark, werd ich auf jeden Fall verfolgen. Ich hab auch gesehen, du hast deine Sporttasche mit dabei, das heißt, wir könnten theoretisch auch hier auf der Bühne paar Sachen machen. Du bist ja nach dem Training, hast du mir gesagt, sogar.

Lennart Sass:
Ja, im Anschluss fahr ich nach Mannheim ins Training und hab meinen Judoanzug natürlich dabei. Sehr cool, trag ich auch lieber als so ein Westchen hier, der Anzug ist jetzt hier genau mit in der Tasche und so begleitet mich Judo jeden Tag.

Reza Mehman:
Sehr cool, wie ist das für dich, spürst du eine, eine Art Ungleichbehandlung, wenn es im Profisportbereich geht. Ich glaube, die größte Ungleichbehandlung ist wahrscheinlich, wenn man so die Ausstattungsmöglichkeiten von Männerfußball sieht, versus alles andere, was quasi dann Randsportart ist. Aber was spürst du so in deinem tagtäglichen Doing bei der Vorbereitung in deinem Sport?

Lennart Sass:
Jawoll, nun sitz ich mit 2 Fußballvertreterinnen auf der Bühne, das ist natürlich der stärkste Vergleich. Ich war jetzt gerade in der Heimat, da spielt mein Kollege in der sechsten Fußballliga und bekommt in etwa das, was ein B Kader Athlet von der Nationalmannschaft in olympischen Sportarten bekommt, also um die 600€ und die sechste Liga Fußball, da ist noch ein bisschen gap up, aber auch da wieder eine hohe Differenz, also das Gap zwischen Männer und Frauenfußball ist ja auch immens und sträflich.

Jedenfalls hab ich auf meinem Weg der Vorbereitung den Weg auch in die Weltspitze gefunden und entsprechende Fördermöglichkeiten bekommen. Wir haben hier in der Region ganz starke Förderung über das Team Paris, wo Athleten, die sich zielgerichtet auf die Spiele vorbereiten, auch entsprechend Rückenhalt bekommen. Ich bin Einzelwettkampfsportler, da gibt es auch ein gewisses Teamgefühl, weil alle auf das gleiche Ziel hinausarbeiten. Kampf für Kampf, aber Paris ist so das Ziel nach dem Ziel, das verbindet alle und da bin ich ja als gebürtiger Kieler hier in den Süden gekommen und hab gleich eine neue Familie gefunden. In der einen Ebene, sonst bin ich One Man Army und versuch mich so durchzukämpfen.

Es gibt in Deutschland ein spärliches Fördersystem für olympische und paralympische Sportarten, das ist immerhin gleichgestellt, weitestgehend. Nichtsdestotrotz auch da sind jahrzehntelange Kämpfe hinterstehend und in dem Punkte, wo ich eingestiegen bin und jetzt auf Weltniveau mitkämpfen darf, hab ich aber auch schon gewisse Lücken und auch aus Erfahrungswerten gehört, dass es verbesserungswürdig ist.

Reza Mehman:
Welche Bereiche genau? Also, du redest von Einzelförderung auf der Ebene, also Geldförderung.

Lennart Sass:
Ja, das ist der eine Punkt natürlich, dass man in einer gewissen finanziellen Sicherheit und Unabhängigkeit seinen Trainingsalltag bestreiten kann. Nichtsdestotrotz ist für uns selbstverständlich, dass wir auch eine duale Karriere für die Karriere nach der Karriere forcieren. Ich studiere hier in Heidelberg Jura, das ist auch tough, ist meine zweite Leidenschaft, da muss man sich auch diszipliniert durchkämpfen, ist so ein Marathon, den ich nebenher lauf, weil es letzten Endes jeden Tag eine Verletzung geben kann oder auch ein Athlet hier leider nicht finanziell aussorgt.

Es gibt über die Sporthilfe und Institutionen des Bundes oder hier in Heidelberg an der Uni von der Diepenhauptstiftung auch ein Sportstipendium, aber das sind alles Beträge, die sind in Dimensionen, dass man jetzt nicht noch ein Minijob nebenan fangen muss, sondern zumindest den Alltag soweit bestreiten kann. Aber so der Profisport, der kommerzielle Sport, wie es der Herrenfußball oder übliche mit stärkeren Verbänden wie Basketball oder Handball ist, ist da eine andere Dimension.

Frauen in Gremien und Verantwortung der Medien

Reza Mehman:
Verstehe, Doris, 15% Frauen in Gremien beim D.F.B., welche Maßnahmen habt ihr da jetzt sozusagen angepeilt, um das zu ändern?

Doris Fitschen:
Ja, das ist nicht ganz so einfach, weil das geht schon in den Vereinen und wir haben 24000 Fußballvereine in Deutschland, da geht das ja schon los, dass eben einfach da viel weniger Frauen in Führungspositionen sind. Die meisten Vorstandsposten werden eben von Männern belegt und nur wenn man in der Regel ist es so, wenn man Posten im Verein hat, bekommt man dann eben auch ein Posten im Kreis oder Bezirk und dann im Land und ganz am Ende dann beim D.F.B.

Also das heißt, wir müssen wirklich an der Basis anfangen und da wirklich die Frauen zum einen ermutigen, dass sie sich so ein Amt zutrauen, aber es sind natürlich auch so Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich glaub, viele hier können dem zustimmen, dass es eben oft so ist, dass die Frauen sich abends dann eben um die Familie kümmern, während die Männer dann noch mal ins Vereinsheim gehen zum Training oder dann noch die Vorstandssitzung zu machen. Das ist nicht überall so, das ändert sich auch, aber das ist eben überwiegend noch so und wir arbeiten eben da dran, jetzt erst mal in der oberen Ebene Frauen zu ermutigen, dass sie solche Positionen auch wirklich anvisieren und versuchen das dann eben über diese Vorbilder dann auch nach unten runterzubrechen.

Reza Mehman:
In unserem Vorgespräch hast du auch das Thema Sichtbarkeit in Medien angesprochen. Du meintest, wenn du, ich glaub, das ist für uns alle gleich, wenn wir morgens Fernseher einschalten, dann kommt erstmal ein langer Fußball, Männerfußballblock und dann wahrscheinlich nur ein, 2 Minuten Frauenfußball. Das Problem ist, glaube ich, die Medien müssen da so ein bisschen auch sozusagen zur Verantwortung gezogen werden aus meiner Sicht. Auf der einen Seite, wie du gesagt hast, zu sagen, ja, da ist ja keine Nachfrage da, deswegen zeigen wir da nichts, kann man genauso gut sagen, ja, wenn kein Angebot da ist, steht auch vielleicht gar keine Nachfrage.

Doris Fitschen:
Ja, das ist so ein bisschen so ein Teufelskreislauf, die Medien sagen natürlich für Frauenfußball oder auch andere Sportarten. Frauenfußball ist ja noch mehr in den Medien als viele andere Sportarten, dafür interessiert sich keiner und wir haben halt den Auftrag, das zu zeigen, was die Leute interessiert oder wir wollen natürlich Quote machen und deshalb wird eben in der Regel nur Männerfußball oder einige wenige andere Sportarten noch gezeigt.

Wenn man diesen Teufelskreislauf aber durchbrechen würde und einfach mal diese Sportart eben zeigen würde, dann würden sich auch mehr Menschen dafür interessieren, dann wüssten die eben auch sich, dass die Sportarten stattfinden, dann würden sie vielleicht auch mal ins Stadion oder in die Halle gehen und sich das anschauen und dann wäre das Interesse dann eben auch da, würde größer werden und dann hätten die Medien natürlich dann auch wirklich ein Grund, das dann zu zeigen.

Also das ist so ein Teufelskreislauf, ist sehr schwer da rauszukommen und ich würde mir eben einfach wünschen, dass die Medien und nicht nur die öffentlich-rechtlichen, sondern alle, auch die Tageszeitungen, ein bisschen mehr Verantwortung dafür übernehmen, dass sie eben auch diverser einfach berichten. Und ich sage auch ausdrücklich, nicht nur immer über Fußball, es gibt ganz viele andere Sportarten von Männern und Frauen, auch über Judo oder über paralympische Sportarten, wird sehr, sehr wenig berichtet und da würd ich mir wirklich wünschen, dass die Medien da diese Verantwortung übernehmen.

Trainingsbedingungen und Entwicklung bei der TSG Hoffenheim

Reza Mehman:
Also ich war ja bei euch ja im D.F.B. in der Akademie, da durfte ich das Vorgespräch mit dir halten, du hast mir die Trainingsräume gezeigt, sah super mega cool aus, wenn ich ehrlich bin, und mir ist auch aufgefallen, da gab es jetzt keinen Unterschied zwischen Männerbereich oder Frauenbereich, die waren komplett gleichgestellt. Gleichzeitig war ich bei Isabella, also paar Tage davor oder danach, ich weiß gar nicht mehr, und du hast mir, du hast zu mir gesagt gehabt, ja, ungefähr gleich, aber der Rehabereich ist, da ist ein Unterschied. Kannst du drauf eingehen, gibt es da außer Rehabereich noch andere Unterschiede, die du siehst? Also Reha ist ja nicht ganz unwichtig für euch als Fußballer.

Isabella Hartig:
Ja, auf jeden Fall. Also ich mein, ich bin jetzt schon seit 2015 bei der T.S.G. Hoffenheim und ich muss schon sagen, wo ich 2015 da angekommen bin, wenn man das vergleicht mit heute, das sind wirklich Welten. Also, wenn du mir die Frage vor paar Jahren gestellt hättest, wär es wahrscheinlich noch drastischer gewesen. Jetzt muss ich sagen, dass sich in den letzten Jahren da echt enorm viel getan hat und auch der Verein uns richtig spüren lässt, dass der Frauenfußball da eben auch ein Stellenwert hat und dementsprechend wurde da einfach auch Geld in die Hand genommen, um die Bedingungen wirklich zu funktionalisieren.

Gerade aber, hab ja schon erzählt, dass ich quasi gerade in der Reha bin und jetzt ja, da konnte ich auch die Möglichkeiten von den Männern nutzen und da sind halt ja, das ist quasi ein eigener Wellnesstempel, den man da vorfindet und sowas ist natürlich bei uns ja noch lange nicht, gerade halt so diese ganzen medizinischen Regenerationsmaßnahmen, da sehe ich vor allem noch Potenzial, weil das halt auch vor diesen langen Verletzungen schützt oder auch gerade im Frauenbereich ist ja auch dieses Kreuzbandthema immer immer hoch. Deswegen, da sehe ich auf jeden Fall noch sehr viel Potenzial.

Reza Mehman:
Du hattest auch gemeint gehabt, nicht alles ist schlechter sozusagen im Frauenfußball. Du findest besser, dass das Mindset eher auch so gepolt ist, dass man sagt, ja, mach doch parallel auch noch was. Du promovierst ja auch nebenbei in Anführungsstrichen.

Isabella Hartig:
Ja, genau, das muss ich schon sagen, dass das auf jeden Fall ja, ein Faktor ist, wo man, wo ich jetzt nicht unbedingt neidisch bin auf die Männer, weil für uns ist von Anfang an klar, dass die schulische Ausbildung an erster Stelle steht, dass quasi man einfach ein zweites Standbein braucht, auch während seiner Karriere. Und ich find es einfach persönlich cool, wenn dann irgendwelche Leute aus der Wirtschaft mal kommen und wir uns dann einfach auf einem guten Niveau unterhalten können, weil wir uns einfach auch für viele gesellschaftliche Themen interessieren.

Jeder macht bei uns eine Ausbildung oder ein Studium und wir haben einfach Lust, auch neben dem Fußball unseren Horizont auch während der Karriere schon zu erweitern und einfach da schon ein bisschen parallel zu fahren. Und ich glaub, dass das einfach auch neben dem Fußball einfach ein cooler Ausgleich ist, dass man seine Birne nicht immer nur mit dem runden Ball beschäftigen muss, sondern einfach auch nebenher einfach auch eine zweite Leidenschaft aufbaut.

Mädchen im Sport, Elternrolle und Nachwuchsförderung

Reza Mehman:
Wenn ich jetzt dich fragen würde, wenn meine kleine Tochter jetzt, mein kleines Mädchen, jetzt auch Interesse hätte, Profifußballerin zu werden, welchen Tipp würdest du mir oder ihr mitgeben?

Isabella Hartig:
Also, ich würde immer sagen, dass an erster Stelle immer der Spaß steht. Man sagt ja auch immer so, ja, es ist ein Privileg, sein Hobby zum Beruf zu machen, ist auch ein Privileg, aber da steckt auch das Thema Hobby drin. Und so war es jetzt zum Beispiel bei mir auch, man hat einfach seit man klein ist, einfach total Lust auf Fußball und dann hat man halt auch ein gewisses Talent und man entwickelt eine Leidenschaft und so Werte wie Disziplin, Ehrgeiz, die kommen dann einfach über die Jahre und da muss man gar nicht von Anfang an sagen, hey, ich will Profifußballerin werden, sondern man soll einfach Spaß haben an der Sache und dann geht das Mädchen schon ihren Weg.

Reza Mehman:
Mhm, okay gut, ich komm irgendwann auf dich zurück diesbezüglich. Lennart, bei dir darf ich dich fragen, wie sieht dein Alltag eigentlich aus, weil ich glaube, der ist noch ein bisschen herausfordernder als es vielleicht typischerweise normal wär.

Lennart Sass:
Ja, wir haben im Judo einen komplexen Sport, der sowohl eine hohe technische Anforderung als auch Kraft, Ausdauer und noch viele weitere Facetten so auf die Matte bringt. Am Ende hat man das Produkt vom Wettkampf, Mann gegen Mann, aber auf dem Weg dorthin hab ich hier in der Region, drum bin ich auch in den Süden gewechselt, so optimale Vorbereitungsbedingungen. Meistens bin ich morgens am Olympiastützpunkt Heidelberg für ein Krafttraining, Kraftausdauer, neuroathletisches Training und dann geht es in die Physioregeneration, ist ebenso wichtige Säule und jeden Abend haben wir dann Mattentraining.

Reza Mehman:
Darf ich fragen, ist auch alles barrierefrei für dich zugänglich?

Lennart Sass:
Barrieren kann man auch durchbrechen. Ich finde meistens ein Weg, Bundville ist ein Weg und so hab ich oft Türen geöffnet und gefunden. Der O.S.P. hier in Heidelberg ist ja auch 72, als die Paralympics quasi das erste Mal auf deutschem Boden waren, mit erbaut und entwickelt und das sind ältere Gebäude, aber ich hab eigentlich die Barrierefreiheit immer für mich selber entdeckt. Drum komm ich jeden Abend ganz gut zurecht.

Wir trainieren hier in der Region Rhein Neckar unterschiedliche Judo Trainingsstätten und da ist Mobilität ganz vorne an, auch da find ich meine Wege, so dass ich über allem eigentlich neben dem Studium gerne diesen Kampfsportler Lifestyle train, eat, work, sleep, repeat hab und das jeden Tag bis Paris, so dass ich da meine Bestleistung abrufen kann.

Reza Mehman:
Ist ganz interessant, weil auch im Vorgespräch hattest du gesagt gehabt, dass wir haben gerade über Barriere gesprochen, dass es so auch gesellschaftliche Klischees sind, dass es besonders große Herausforderungen sind. Für dich ist das quasi normal, du, du stellst dich dem Ganzen und rennst da durch, sozusagen.

Lennart Sass:
Richtig, ich bin selber als Judoka 2005 mit 5 Jahren auf die Matte gekommen und bin dann schicksalsartig 2016 von 100 auf 0 erblindet, hab nur noch in einer Peripherie so eine Wahrnehmung von Licht und ein bisschen Bewegung und hab mich trotzdem, als ich so für mich realisiert hab, du hast ein Päckchen bekommen, das kannst du tragen, den Rucksack kennst du Schultern, sonst hättest du ihn nicht aufgesetzt bekommen, hab ich mich zurück auf die Matte gekämpft, hab wieder den Judoanzug gegriffen und alles war im Naturell wie früher.

Ich konnte meinen Judosport im Vergleich zum Olympischen vollwertig weitermachen, die einzige Umstellung im Parajudo ist, dass man gegriffen startet, um so mit dem Dauerkörperkontakt eine Chancengleichheit herzustellen, aber die sonstigen Regeln und Techniken sind same, same, but a little bit different. Also die paralympische Bewegung per se, das ja auch das Thema von heute, ist schon sehr divers, wir haben eine hohe Vielfalt von Athleten weltweit im Kampfsport, aber das Judo selber bringt die Lebensherausforderung und das stell ich immer gerne hervor.

Also den Schritt, bis ich auf die Matte komm, dann hab ich schon so viele Herausforderungen gemeistert, denen ich mich gestellt hab, um im Alltag klarzukommen. Bei der Kaffeebar wurd ich oft angesprochen, was denn meine Behinderung für die Paralympics sei, weil ich scheinbar durch den Kampfsport auch ein ganz souveränes Auftreten bekommen hab und so hat sich das entwickelt, dass genau die Herausforderung, die ich gestellt bekommen hab, hab ich angenommen und sag mir immer, You don't need to see the start to reach them. Also das ist eigentlich die, die Limits, die Barrieren, die vermeintlich eine Behinderung ausmachen, oft im Kopf des Gegenübers, also no offense, aber mangels Berührungspunkten und so fehlenden Lebenserfahrungen, die man damit hat, projiziert man halt meistens seine Ängste so auf den Mensch mit Blindheit, mit Behinderung, wie würde ich damit umgehen und da versuche ich einfach mit Best Practice voranzugehen und bisher hat sich das durchweg ausbezahlt, wenn ich so schaue, welche Türen sich seit meiner Erblindung geöffnet haben, geht es mir heute besser, bin ich stärker als je zuvor.

Reza Mehman:
Ja, mega stark, mega starkes Mindset, da können wir uns alle eine Scheibe von abschneiden.

Für mich noch interessant, warum bist du ins schöne Heidelberg gekommen? Kiel ist ja nicht gerade so weit, so nah dran. Darf ich ganz kurz Stefan Lacher, Professor Doktor Stefan Lacher, ist ja, du bist doch auch aus Kiel, oder? Warum kommt ihr alle in den Süden? Warum nach Heidelberg?

Lennart Sass:
Muss ich eine Lanze brechen, ist doch schon schön hier. Das würd ich im Norden so laut nicht aussprechen. Allerdings ist hier in Heidelberg ja aus der Tradition, die ich auch genannt hab, das paralympische Judo mit den Nationaltrainern, weiteren Athleten und der Unterstützung vom O.S.P. von Grund auf an sehr stark. Und so war für mich die Fragestellung, wo hab ich die besten Vorbereitungsbedingungen für Paris, um bestmöglich abzuschneiden. Und dann hab ich mich tatsächlich südlich der Elbe hier in den tiefen Süden bewegt. Die Kurpfalz, bin bisher auch ganz schön angekommen, freue mich also auch hier heute im Schloss zu sein und genau auch über den Rückhalt aus der Region, das weiß ich sehr zu schätzen.

Reza Mehman:
Ja, mega stark, ich hab dich ja über die Aline Moser kennengelernt, ich glaube, die ist auch irgendwo hier. Aline, bist du da? Aline ist gerade nicht da, genau, die Stadt Heidelberg ist, glaube ich, auch super stolz, dass du hier bist. Den Eindruck hatte ich absolut, also mega stark, dass du hier bist.

Reza Mehman:
Doris, darf ich dich noch mal fragen, vielleicht 2 Dinge, was würdest du mir empfehlen, klar, die gleiche Frage, die ich Isabella gestellt habe, wegen meiner Tochter, wegen meinem Mädchen, wenn sie jetzt eine Fußballkarriere anstreben wollen würde. Ich hab tatsächlich hier und da so ein bisschen die Befürchtung, das Thema Gleichstellung, Gleichbehandlung insbesondere, dass das ein bisschen zu kurz kommen könnte. Wie würdest du umgehen, wenn du merkst, ah ja, der Verein zieht da nicht so ganz mit, sondern da werden tatsächlich die Jungs so ein bisschen überbevorteilt, die Mädchen eher nicht. Was würdest du mir empfehlen, wie geht man mit sowas um?

Doris Fitschen:
Das ist schwer. Ja, also wie gesagt, für deine Tochter ist es auf jeden Fall wichtig, wie die Isabella gesagt hat, dass sie Spaß an der Sache hat und natürlich ist es da eben auch einfach wichtig, dass die Eltern da dann unterstützen, wenn es da Probleme gibt und es ist eben einfach wichtig, weil es ist noch nicht überall angekommen, dass Mädchen eben auch Fußball spielen können oder auch ganz andere Sachen noch machen können, dass man eben einfach die Jungs, die da mitspielen, auch aufklärt.

Ich hab selbst ein Jungen, der ist 11 und obwohl er, als er klein war, weil ich so viel vom Frauenfußball gesprochen hab, als er gerade anfangen konnte oder angefangen hat zu sprechen, hat er zu mir gesagt: Mami, kann ich auch Frauenfußball spielen, wenn ich groß bin? In der Zwischenzeit hat sich das geändert und er ist eben auch und das ist auf dem Schulhof eben auch oft so, dass da eben auch immer noch die Meinung vorherrscht, dass Mädchen kein Fußball spielen können und das wird da eben im Fußballverein und auf der in der Schule eben auch oft immer noch gesagt von den, wenn die Jungs untereinander sind und da muss man sich als Mädchen wirklich auch durchbeißen.

Also es ist immer noch nicht einfach, das ist immer noch in den Köpfen drin, aber ich glaube, es wird allmählich und da müssen einfach dann auch die Eltern und die Trainer und die Lehrer eben alle unterstützen und eben allen klarmachen, dass Mädchen das genauso gut können wie Jungs.

Reza Mehman:
Ihr habt doch, glaub ich, auch Leistungszentren jetzt in Ausschau gestellt oder setzt gerade um, glaub ich, auch mit T.S.G. Hoffenheim, wo speziell das noch mal gefördert wird, ist das richtig?

Doris Fitschen:
Genau, wir wollen den Frauenfußball weiterentwickeln und gerade die Talente fördern und deshalb haben wir jetzt, ähnlich wie das bei den Männern ja eben diese Nachwuchsleistungszentren in jedem Lizenzclub gibt, da haben wir da jetzt ein Pilotprojekt eben aufgesetzt mit 5 Leistungszentren deutschlandweit, davon ist 1 in Hoffenheim, worüber wir uns sehr freuen, weil die ja ohnehin bekannt sind für gute Nachwuchsarbeit. Das werten wir jetzt aus und dann werden wir sehen, wie wir das dann wirklich in die Breite bringen, damit eben die Mädchen deutschlandweit eben auch noch besser gefördert werden können.

Vorbilder und Ausblick

Reza Mehman:
Sehr cool, ich hab mir auch, Isabella, Gedanken um das Thema Vorbilder im Frauenfußball gemacht und zwar, du meintest, glaub ich, im Vorgespräch, dass lange Zeit lang auch viele junge Frauen und Mädchen eher Männer als Vorbilder hatten und jetzt, das hat sich jetzt komplett geändert.

Isabella Hartig:
Ja, auf jeden Fall. Also ich mein, wo ich aufgewachsen bin, da hat man samstags die Sportschau geschaut und da kannte man eigentlich nur so männliche Bundesligaspieler. Aber mittlerweile auch durch Social Media oder einfach auch durch die Medienpräsenz hat man einfach einen leichteren Zugang jetzt auch zu Nationalspielerinnen. Also ich glaub jedes junge Mädel kennt jetzt eine Alex Popp oder kann der auch nacheifern oder die ZDF Doku zum Beispiel auch bei der ersten W.M., ja auch so eine Doku von der Frauenfußballnationalmannschaft, um da einfach tiefere Einblicke zu bekommen.

Und die jetzigen Nationalspielerinnen, da kann man sich einfach als junges Mädel identifizieren, die sind viel nahbarer und deswegen glaub ich, hilft es auch auf jeden Fall dem Frauenfußball in den nächsten Jahren.

Reza Mehman:
Sehr cool, also ich hab den Eindruck, es steht gar nicht so schlecht zwischen Gleichbehandlung zwischen Männern und Frauen oder auch das Thema von dir, Lennart, das freut mich sehr. Da bin ich ein bisschen beruhigter. Ich mach mir tatsächlich viele Gedanken darüber. Vielen Dank für eure Insights und vielen Dank, dass ihr heute mit dabei wart. Danke schön.

Doris Fitschen:
Danke dir.


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