Dinner im Schloss 2024 - Panel 1
E Commerce, Nachhaltigkeit und KI: Wie Unternehmen zwischen Wettbewerb, Regulierung und Verantwortung entscheiden
Einleitung
In diesem Panel von Dinner im Schloss sprechen Reza Mehman, Christoph Hempsch, Johannes Kliesch, Viola Weller, Thorsten Heilig und Frederik Haas über E Commerce, Nachhaltigkeit und den Einsatz von KI. Im Mittelpunkt stehen Retouren, Lieferketten, ESG, Verpackung, Regulierung und die Frage, wie Unternehmen wirtschaftlich und gleichzeitig verantwortungsvoll handeln können. Das Gespräch zeigt, wie komplex nachhaltige Entscheidungen im Handel wirklich sind und welche Rolle Daten, Technologie und Marktdruck dabei spielen.
Zusammenfassung
Reza Mehman spricht mit Vertretern aus Logistik, Banking, E Commerce, nachhaltiger Produktentwicklung und KI über die Realität von Nachhaltigkeit im Handel. Christoph Hempsch erläutert, wie Versandemissionen, Retouren und GoGreen Modelle eingeordnet werden können. Johannes Kliesch macht deutlich, dass viele Nachhaltigkeitsmaßnahmen betriebswirtschaftlich sinnvoll sein müssen, weil Kunden oft nicht bereit sind, mehr dafür zu zahlen. Viola Weller zeigt am Beispiel von VLACE, wie nachhaltige Produktinnovation mit Storytelling, Materialforschung und regionalen Lieferketten verbunden werden kann. Thorsten Heilig und Frederik Haas erklären, wie KI und ESG Anforderungen Unternehmen künftig stärker prägen werden, sowohl operativ als auch finanziell.
Kontext
Wer spricht: Reza Mehman spricht mit Christoph Hempsch von Deutsche Post DHL, Johannes Kliesch von Snocks, Viola Weller von VLACE, Thorsten Heilig von paretos und Frederik Haas von Volksbank Kurpfalz.
Worum geht es: Im Zentrum stehen Nachhaltigkeit im E Commerce, CO2 Emissionen, Retouren, Regulierung, ESG, Lieferketten und der Einsatz von KI für Forecasting, Planung und Automatisierung.
Warum ist das relevant: Das Gespräch zeigt, wie Unternehmen zwischen wachsendem Wettbewerbsdruck, steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen und technologischer Transformation navigieren müssen.
Themen-Cluster / Einordnung
- Nachhaltigkeit und CO2 im E Commerce
- Wirtschaftlicher Druck, Regulierung und ESG
- Produktentwicklung, Materialien und Lieferketten
- KI, Forecasting und datengetriebene Entscheidungen
- Wettbewerb durch internationale Plattformen wie Temu und Shein
Kern-Aussagen
- Nachhaltigkeit im E Commerce ist komplexer, als viele Konsumenten annehmen.
- Retouren und Versand sind nur ein Teil der ökologischen Gesamtbetrachtung.
- Viele Kunden sagen, Nachhaltigkeit sei wichtig, handeln beim Kauf aber oft anders.
- Unternehmen müssen Nachhaltigkeit, Qualität und Wirtschaftlichkeit gleichzeitig austarieren.
- KI hilft dabei, Nachfrage genauer zu prognostizieren und Überproduktion zu reduzieren.
- ESG Anforderungen wirken zunehmend auf Finanzierung und Kreditvergabe.
- Gerade deutsche Unternehmen sehen sich im internationalen Wettbewerb teilweise benachteiligt.
- Nachhaltige Lösungen werden oft nur dann skaliert, wenn sie wirtschaftlich tragfähig sind.
- Kulturelle Hürden in Unternehmen sind bei KI Projekten oft größer als die technischen.
- Automatisierung und KI sind im E Commerce bereits heute konkret im Einsatz.
Fragen & Antworten
Frage: Wie nachhaltig ist eine Onlinebestellung im Vergleich zur Autofahrt zum stationären Einkauf?
Antwort: Laut Christoph Hempsch verursacht ein quer durch Deutschland verschicktes Paket im Schnitt deutlich weniger als 500 Gramm Emissionen, während ein Liter Diesel 3,25 Kilogramm CO2 erzeugt.
Frage: Warum ist Nachhaltigkeit für viele E Commerce Kunden kein entscheidender Kaufgrund?
Antwort: Johannes Kliesch sagt, dass zahlreiche Tests gezeigt haben, dass Kunden Nachhaltigkeitsinformationen oft als störend empfinden und nicht bereit sind, dafür mehr zu zahlen.
Frage: Was ist bei nachhaltigen Produkten neben dem Material entscheidend?
Antwort: Viola Weller betont, dass Kunden zuerst auf Optik, Qualität und Nutzen achten. Die nachhaltige Story ist oft erst der zusätzliche Mehrwert.
Frage: Wie kann KI im E Commerce konkret helfen?
Antwort: Thorsten Heilig erklärt, dass KI Nachfrage auf Artikelebene prognostizieren, Nachbestellungen optimieren und damit Kosten, Überbestände und potenziell auch Emissionen reduzieren kann.
Frage: Welche Rolle spielt ESG bei Banken und Unternehmen?
Antwort: Frederik Haas erklärt, dass Banken seit diesem Jahr Nachhaltigkeitsrisiken im Kreditportfolio bewerten müssen, was sich perspektivisch auf Liquidität und Finanzierungskosten auswirken kann.
Frage: Warum sehen manche Unternehmer Nachhaltigkeitsregeln kritisch?
Antwort: Johannes Kliesch argumentiert, dass zusätzliche Vorgaben deutsche Unternehmen belasten können, während internationale Wettbewerber diesen Regeln teilweise nicht im gleichen Maß unterliegen.
Frage: Welche Herausforderungen gibt es bei der Einführung von KI in Unternehmen?
Antwort: Laut Thorsten Heilig liegt die größte Hürde oft nicht in der Technik, sondern in der Kultur, also in Lernbereitschaft, Fehlerkultur und Veränderungswillen.
Frage: Welche konkreten KI Anwendungen setzt Snocks bereits ein?
Antwort: Johannes Kliesch nennt Forecasting, automatisierte Übersetzungen für neue Ländershops und die automatisierte Beantwortung von fast der Hälfte aller Kundenservicetickets.
Zitierfähige Passagen
Nachhaltigkeit im E Commerce ist kein einfaches Entweder oder, sondern ein permanentes Abwägen zwischen Kosten, Qualität, Lieferfähigkeit, Konsumentenverhalten und Regulierung. Das Panel macht deutlich, dass gute Absichten allein nicht reichen, wenn internationale Wettbewerber unter völlig anderen Bedingungen agieren. Gleichzeitig zeigen die Beispiele aus Logistik, Produktentwicklung und KI, dass Fortschritt dort entsteht, wo Unternehmen datengetrieben, transparent und pragmatisch handeln. Genau in diesem Spannungsfeld entscheidet sich, wie zukunftsfähig Handel und Marken wirklich sind.
Highlight-Zitate
- „Der Endkonsument interessiert sich halt keine Bohne dafür.“
- „Der beste Anknüpfungspunkt ist, wenn die Produkte gar nicht produziert werden.“
- „Viele haben einfach Angst vor dem Thema.“
- „Der Fisch stinkt vom Kopf.“
- „K.I. ist ja gekommen, auch um zu bleiben.“
Einstieg ins Panel
Reza Mehman:
Wir kommen zur ersten Panel Diskussion.
Ich freu mich da sehr besonders drauf. Es geht um das Thema E Commerce und Nachhaltigkeit. Ich glaube, da gibt es ein paar Missverständnisse in diesem Kontext. Wir alle kaufen wahrscheinlich regelmäßig online ein, haben manchmal vielleicht auch ein schlechtes Gewissen, wenn wir was zurücksenden müssen, gerade bei Klamotten. Das ist ja so eine Sache, verschiedene Größen kaufen, um sicherheitshalber vielleicht eine dabei zu haben, die dann passt.
Ein Hintergrund dazu: Es gibt für mich als Heidelberger nur einen Grund, wirklich nur einen Grund, nach Mannheim zu fahren, in die nicht so schöne Nachbarstadt. Sorry. Es gibt wirklich nur einen Grund. In Mannheim gibt es bessere Kleider oder beziehungsweise Textilien. Ich glaube, sogar mein Sakko habe ich aus Mannheim gekauft. Ich habe mir auch überlegt gehabt, tatsächlich in dem Case: Soll ich es online bestellen, soll ich drei, vier verschiedene Größen kaufen und dann wieder zurückschicken oder soll ich einmal einfach nach Mannheim fahren, von Heidelberg aus, 20 Minuten, circa 20 Kilometer? Ich habe es mir überlegt und bin dann nach Mannheim gefahren, habe es direkt gekauft, anprobiert, nach Hause gekommen und alles ist gut gewesen.
Aber jetzt kommt eine interessante Wendung. Ich habe mich vor kurzem mit dem Head of Sustainability von der Deutschen Post austauschen dürfen, der mittlerweile, glaube ich, auch eine andere Rolle hat. Dazu wird er gleich was sagen. Und ich habe ihn gefragt: Christoph, ist es denn wirklich so, wie viel spare ich denn ein, wenn ich zum Beispiel jetzt nach Mannheim fahre, von Heidelberg aus wieder zurückfahre, wirklich dann auch die Sachen kaufe, die ich haben möchte und auch nichts zurückschicken muss? Was ist das im Vergleich eigentlich dazu, wenn ich zum Beispiel jetzt an Retouren denke? Und da kommt eine ganz interessante Zahl dabei raus, was eigentlich Retouren an CO2 produzieren oder nicht produzieren. Da werden wir gleich die Zahlen dazu hören.
Auch bei den anderen Panelspeakern wird es super interessant. Ich habe es vorhin schon angesprochen. Wir haben eine Gründerin mit dabei, die auf die Idee gekommen ist, aus Obstschalen Sneaker herzustellen. Sie hat heute sogar einen Sneaker mit dabei, den wir dann rumreichen können. Meine erste Frage im Kopf, die dann gekommen ist: Kann ich die auch essen? Also würde das sogar funktionieren?
Wir haben einen auch sehr erfolgreichen E Commerce Gründer mit dabei, heute Johannes Kliesch. Wo bist du, Johannes? Ah, da hinten, genau. Da interessiert es mich natürlich auch. Da geht viel rein und raus. Wie ist das eigentlich mit dem Lager? Was für Gedanken hat er überhaupt bezüglich E Commerce? Wie soll es bei ihm weitergehen? Ich weiß, dass er intern auch Bestrebungen hat.
Was mich auch bei ihm interessieren würde, was er eigentlich über Temu und Shein denkt. Also vielleicht kennen Sie Temu und Shein. Ich finde das crazy, wie günstig man da Sachen einkaufen kann. Ich kaufe tatsächlich da nicht ein. Mein Vater hat vor kurzem Gadgets eingekauft, völlig nutzlos, aber super billig und hat sich drüber gefreut. Da habe ich ihm auch gesagt, das kann nicht so unser aller Wohl sein.
Dann haben wir noch jemanden mit dabei von paretos, ein weiteres großes KI Startup aus Heidelberg. Und wir haben Frederik Haas von der Volksbank Kurpfalz mit dabei. Die haben sehr stark dabei geholfen, dass Snocks heute auch da steht, wo sie sind. Und wir haben Viola Weller mit dabei.
Ich würde gerne bitte alle vom E Commerce Panel auf die Bühne bitten und vielleicht mit einem gemeinsamen riesigen Applaus.
Versand, Retouren und CO2
Reza Mehman:
So, fangen wir am besten an mit Christoph Hempsch von der Deutschen Post DHL. Christoph, kannst du da Einblicke geben? Ganz kurze Überschlagsrechnung: Ich fahre 20 Kilometer mit meinem Auto von Heidelberg nach Mannheim, kaufe da ein und komme zurück. Was würde das in Relation zu einer Onlinebestellung denn auslösen?
Christoph Hempsch:
Ja, ich sage natürlich, weiß ich es nicht genau, man muss immer mit Ungewissheit rechnen, aber zwei, drei Datenpunkte vielleicht mal zu nennen. Also wenn man einen Liter Diesel verbrennt, dann entstehen dabei 3,25 Kilogramm CO2. Und wenn man mit uns, mit DHL, einmal ein Paket quer durch Deutschland verschickt, dann entstehen dabei im Schnitt deutlich weniger als 500 Gramm Emissionen. Das heißt, für den einen Liter Diesel, den man verbrennt, könnte man sechs bis sieben Pakete verschicken.
Auf der anderen Seite entstehen natürlich auch noch weitere Emissionen durch die Retoure, zum Beispiel durch das Verpackungsmaterial selber. Wenn man da die Verpackung vom Hinweg nimmt, entstehen keine weiteren Emissionen. Und die ganz große Frage, die wahrscheinlich andere hier besser beantworten können als ich, ist: Was passiert denn danach eigentlich mit der Ware? Wird die dann auch wirklich weiterverwendet, weiterverkauft oder wird die dann vielleicht sogar geschreddert und landet irgendwo auf dem Müll? Dann war es natürlich eine Milchmädchenrechnung.
Aber ich glaube, daran sieht man, es ist total schwer für Konsumenten überhaupt zu beurteilen, was ist denn jetzt eigentlich nachhaltig, was ist besser. Ich glaube, da dürfen wir den Konsumenten auch nicht zu viel abverlangen, sondern müssen versuchen, das ganz einfach zu beschreiben.
Reza Mehman:
Mhm, also nach der Rechnung Heidelberg, Mannheim und zurück, das sind ja ungefähr 40 Kilometer, sagen wir mal vier Liter Diesel ungefähr. Das heißt, wie viele Pakete könnte ich da empfangen und wieder zurücksenden?
Christoph Hempsch:
Ja gut, also wenn du vier Liter Diesel verbrannt hast, dann sind das irgendwas um die 15 Kilogramm CO2.
Reza Mehman:
30, also 30 Pakete könntest du für eine Fahrt nach Mannheim und zurück empfangen. Das ist mal gut zu wissen, was überhaupt da in der Relation dahinter steckt, weil man kann es sich einfach nicht vorstellen.
Darf ich vielleicht gleich die Folgefrage stellen? Ich glaube, das Thema Geschwindigkeit ist bei der Deutschen Post oder DHL auch ein extrem wichtiges Thema. Je schneller wir was empfangen, desto leerer sind vielleicht auch ab und zu mal die LKWs, desto schneller versucht man einfach die Ware nur rauszuhauen, ohne dass auf Effizienzen geachtet wird. Ist das richtig?
Christoph Hempsch:
Ja. Insbesondere diejenigen, die mit uns versenden, können das wahrscheinlich auch wieder am besten beurteilen, gerade wenn ihr über Marktplätze verkauft. Die Marktplätze setzen da sehr strikte Regeln, was für eine Laufzeit man versprechen muss und was man dann auch einhalten muss.
Aber natürlich ist es als Händler wichtig, dass die Sendung schnell beim Empfänger ist. Dann ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass der Anlass verschwindet oder man zwischendurch doch am Laden vorbeigekommen ist. Auf der anderen Seite ist es vielen Konsumenten nicht so wichtig, wie schnell die Ware ankommt. Aber auch hier ist wieder die Komplexität und die gewisse Ungewissheit. Jeder ist anders.
Ich habe eh nur am Wochenende Zeit, irgendwas zu bestellen oder mich am Wochenende damit zu beschäftigen, was angekommen ist. Also mir kannst du es auch am Donnerstag schicken und dann reicht es, wenn es am Samstag da ist. Dann gibt es aber auch andere Anlässe. Übermorgen ist der Geburtstag der Mutter und dann muss es ganz schnell gehen.
Vielleicht auch da noch mal eine spannende Zahl. Wenn ihr mit uns ein Paket online frankiert auf DHL.de und auf einer Relation dieses Paket verschickt, wo wir die Bahn nutzen, dann bieten wir die Auswahl an, ob dieses Paket mit der Bahn fahren darf oder mit dem LKW fahren muss. Wenn es mit der Bahn fahren darf, dann sagen wir, es könnte einen Tag länger dauern, kostet noch nicht mal mehr. Und ungefähr jeder Vierte sagt, das ist okay. Also ein Tag länger ist okay. Aber die anderen drei sagen, nee, es muss so schnell wie möglich da sein.
Snocks über Nachhaltigkeit, Kundenverhalten und Realität im Markt
Reza Mehman:
Interessant. Johannes, ihr verschickt, glaube ich, eine ganze Menge Pakete. Hast du da eine Zahl im Kopf?
Johannes Kliesch:
Boah, ich würde sagen, letztes Jahr, wir haben 72 Millionen Euro Umsatz gemacht, bei einem durchschnittlichen Warenkorb von so 45 Euro. Also sind wir da zwischen ein und zwei Millionen Pakete, so ungefähr.
Reza Mehman:
Mhm, was für Gedanken machst du dir bei Snocks in diesem Kontext?
Johannes Kliesch:
Also wir nutzen DHL GoGreen, was ich eine super Initiative finde. Ich will aber auch heute hier mit in den Raum bringen: Wir machen sehr viel für Nachhaltigkeit, kann ich auch gleich alles aufzählen und so weiter. Ich will aber hier diese Diskussion anregen und sagen, der Endkonsument interessiert sich halt keine Bohne dafür. Das ist leider die Wahrheit.
Wir haben über 15 Tests, wir machen sehr viele AB Tests in unserem Onlineshop und so weiter. Von 15 Tests war kein einziger erfolgreich, weil der Kunde es als störend empfunden hat, viel über CO2 und Nachhaltigkeit und so weiter zu erfahren. Wir machen es trotzdem.
Ein konkretes Beispiel: Unsere Boxershorts haben wir allein 10 Prozent höheren Einkaufswert, weil wir bewusst auf Biobaumwolle gehen und nicht normale Baumwolle machen. Aber auch da ist die Realität: Biobaumwolle ist von der Qualität schlechter als normale Baumwolle, weil die Fasern kürzer sind und deswegen reißen die Produkte schneller. Da muss man sich wieder überlegen: Okay, sie reißen schneller, dann muss ich öfter nachbestellen, was ist jetzt tatsächlich nachhaltig?
Deswegen will ich einfach nur in den Raum werfen: Wir alle reden, auch ab einer gewissen sozialen Schicht, wie wichtig nachhaltig und so ist. Da als Privatperson stehe ich da auch absolut dafür ein und finde es super. Die Realität ist, dass der breiten Masse das mehr oder weniger egal ist. Du hast Temu und Shein angesprochen. Schnellst wachsende Startups, gerade weltweit. In Deutschland mehr aktive Nutzer, Temu gerade wie Zalando und About You zusammen. Denen ist Nachhaltigkeit komplett egal. Wir sagen alle, wir bestellen nicht, aber die Realität ist, Temu hat mehr Bestellungen als About You und Zalando zusammen aktuell im Monat.
Also die Realität sieht halt anders aus. Gerade jeder schämt sich dafür, keiner will es zugeben, aber die Realität sieht so aus. Deswegen finde ich es spannend, auch in der Diskussion. Nachhaltigkeit ist super wichtig, aber der breiten Bevölkerungsschicht ist es mehr oder weniger egal. Wir machen auch Umfragen. Jeder sagt immer, mir ist es acht, neun von zehn wichtig, aber bin ich bereit, fünf Prozent mehr zu zahlen? Nee, dann gehe ich doch wieder zu dem nicht nachhaltigen. Das ist die Realität und da haben wir die letzten zwei, drei Jahre sehr viel Erfahrung gesammelt und viel getestet. Das ist eigentlich super schade und super traurig.
Reza Mehman:
Wie schaffst du es trotzdem, einerseits total wettbewerbsorientiert zu arbeiten? Ich weiß, dass Snocks ultra wettbewerbsorientiert ist. Trotzdem sagst du auch, mir ist das Thema Nachhaltigkeit wichtig, da möchte ich pushen. Kannst du sagen, wie da der Trade off ist zwischen, du willst natürlich die Sachen rausbringen, schneller am Markt sein, auf der anderen Seite merke ich schon bei dir, das Thema ist dir irgendwo wichtig, du willst es auch vorantreiben, du musst es aber auch testen, ob das überhaupt funktioniert.
Johannes Kliesch:
Ja, wir versuchen, Nachhaltigkeit möglichst wirtschaftlich zu denken. Also um ein paar konkrete Beispiele zu machen: Wir nutzen schon immer DHL GoGreen. Ein Paket kostet für uns bei DHL um die drei Euro, sagen wir es mal so, wir dürfen nicht über die Preise konkret reden. Dass es nachhaltig versendet wird, kostet uns 0,03 Euro mehr. So in der Größenordnung ist DHL GoGreen. Das ist für uns ein No Brainer. 0,03 Euro mehr pro Paket und hat wirklich einen großen Impact dadurch. Finde ich super. Also dass Deutsche Post DHL das so einfach auch für Händler ermöglicht, was Gutes zu tun, das versuchen wir auf jeden Fall mitzunehmen und umzusetzen.
Das Thema Biobaumwolle war ein Riesenthema für uns. Wie ich eben schon gesagt habe, sind es ungefähr 10 bis 15 Prozent mehr im Einkauf, je nach Produkt, aber die Qualität wird wirklich getestet schlechter. Und was machst du dann jetzt? Da haben wir enorm viel Diskussion, auch intern. Machen wir das oder nicht? Weil eigentlich muss man Nachhaltigkeit auch immer unterm Strich sehen. Wenn die Retourenrate deswegen ein, zwei, drei Prozent höher ist, was ist dann wirklich besser für die Umwelt?
Aber wenn ich auf einer Bühne sitzen würde und sagen würde, nee, wir machen keine Biobaumwolle, weil die Retourenrate höher ist, würden alle sagen, ja, ja, der sucht einfach nur Ausreden. Wir haben Biobaumwolle, weil wir gesagt haben, lasst uns probieren, Biobaumwolle trotzdem möglichst von der Qualität geil umzusetzen. So versuchen wir jede Maßnahme irgendwie abzuwägen. Okay, was ist jetzt das Beste, sowohl für die Firma als auch für die Nachhaltigkeit?
Tatsächlich sprechen wir gegenüber unseren Kunden so gut wie gar nicht darüber, was wir alles machen, weil es den Kunden nicht interessiert. Dann sagen wir, dann müssen wir den Kunden gar nicht vollabern damit, sondern wir machen es für uns selber, weil wir auch sagen, hey, in fünf bis zehn Jahren wird das Thema von Jahr zu Jahr wichtiger und größer. Jetzt gerade ein sehr starker Dip. Können wir auch gerade noch mal drüber reden, dass es gerade keinen interessiert. Vor zwei Jahren in Corona Zeiten war es ein omnipräsentes Thema. Wir haben unseren Fünf, Sechs, Sieben Jahresplan, was wir alles machen wollen, aber wir überstürzen gerade auch nichts, weil es muss sich auch wirtschaftlich lohnen.
Es bringt auch nichts, wenn ich meinen ganzen Gewinn nur in Nachhaltigkeit stecke, wo die Qualität schlechter wird und den Kunden es nicht interessiert. Da würde ich mir wünschen, in der Gesamtdiskussion auf den Bühnen und so auf dieser Welt, dass da auch reflektierter darüber gesprochen wird, dass es eben auch einen riesengroßen Downside gibt.
VLACE über vegane Sneaker aus Obstabfällen
Reza Mehman:
Mhm, okay, vielen Dank. Super schade und super interessant, ehrlich gesagt. Mit dem Thema Planung kommen wir gleich noch mal bei Thorsten. Aber bevor ich da einsteige: Viola, trotzdem die Frage, kann man deine Schuhe essen?
Viola Weller:
Nee, meine Schuhe kann man leider nicht essen, das wäre natürlich toll. Aber der Bestandteil von den Obstabfällen liegt bei 40 bis 60 Prozent pro Material. Also essbar ist es mittlerweile noch nicht. Vielleicht irgendwann mal. Aber natürlich muss Polyester mit rein als Bindemittel oder auch Biobaumwolle und Bio PU, dass diese Obstabfälle auch wirklich gebunden werden und auch resistent sind.
Reza Mehman:
Mega. Die sehen auch richtig gut aus. Also man merkt, du hast dir da viele Gedanken drum gemacht. Wie kommt man aber auf die Idee zu sagen, ich möchte weg von der herkömmlichen Herstellung? Ich vermute, da geht viel über Leder. Ich habe mal eine Zahl gehört, was eigentlich an CO2 produziert wird bei dem Thema Leder. Hast du das zufällig im Kopf? Ich glaube, ich habe es bei dir mal gesehen.
Viola Weller:
Ja, es sind 79 Kilo CO2 Emissionen auf den Quadratmeter bei der Produktion von einem normal gegerbten Leder. Das war auch der Punkt für mich, wieso ich auf die Sneaker gekommen bin. Ich lebe schon immer vegetarisch vegan und achte schon immer drauf, dass ich eher vegane Materialien auch trage und schaue auch, woher meine Produkte kommen, was ich konsumiere. Aber ich hatte trotzdem, wie jeder andere auch, ganz normal Adidas, Nike, Puma und Co getragen und habe aber gesehen, was mit den Menschen dahinter passiert, wo die Produkte produziert werden und was auch oft mit den Tieren dahinter passiert. Da wollte ich mich komplett distanzieren.
Ich habe Marken gesucht, die anders arbeiten, die aber dennoch gut aussehen und habe da leider gar keine Marke finden können. So kam mir dann die Idee, weil ich von dem Traubenleder auf dem Markt wusste und ich es schade fand, dass keiner diese Materialien verwendet. So kam alles Step by Step während meines Masters, da ich mich da reingefuchst habe, wie man Schuhe produziert, wo man am besten einkauft und bin dann auf die Produktionsstätte in Portugal gekommen, sodass wirklich auch alles in Europa liegt hinter VLACE.
Reza Mehman:
Ich glaube, es war kein leichter Prozess, das erst mal irgendwie alles auf die Beine zu stellen, vor allem wenn es noch nie so jemand in der Form gemacht hat. Darf ich dich aber trotzdem fragen, was Johannes gerade gesagt hat: Am Ende interessiert es ganz wenige Menschen, fast gar keine Menschen. Bei dir jetzt zum Beispiel, ist das Thema vegan im Vordergrund oder das Thema Klima, CO2 einsparen im Vordergrund bei deinen Kunden?
Viola Weller:
Ja, da muss ich dem Johannes total recht geben. Ich habe auch schon gemerkt, dass es den Produzenten an sich gar nicht interessiert, dass die vegan sind, dass die recycelt sind, made in Portugal, das ist der zweite Punkt. Aber der erste Punkt ist erstmal: Wie sehen die Schuhe aus, was hat es für einen Mehrwert für den Konsumenten, wie schnell kriegt der Schuh Falten. Das i Tüpfelchen sind dann Obstabfälle.
Natürlich sind die Obstabfälle das krasse Storytelling drumherum, was jeden direkt catcht. Da würde ich sagen, das ist der Main Punkt, dass die Schuhe gekauft werden, weil man dann einfach beim schönen Wein am Sonntag noch sagen kann, übrigens, meine Schuhe sind auch aus Weinabfällen hergestellt. Aber wie Johannes gesagt hat, leider Gottes habe ich jetzt auch langsam gemerkt, je älter ich werde, dass der Fokus erstmal auf dem Material liegt, was es für einen Mehrwert bringt und vor allem, wo auch viele schlechte Erfahrungen gemacht haben mit veganen Sneakern, dass sie dann doch nach ein paar Wochen auseinanderfallen. Da muss ich auf jeden Fall tief in die Recherche reingehen, dass das Material auch nicht an Qualität verliert, wie es vielleicht bei anderen Marken dann der Fall ist.
paretos über KI, Forecasting und Planung
Reza Mehman:
Mega interessant, dazu kommen wir später noch mal. Jetzt hätte ich eine Frage an Thorsten, das weitere KI Startup aus Heidelberg, auch sehr erfolgreich. Ihr habt mit Armed Angels vor kurzem einen sehr coolen Use Case umgesetzt. Armed Angels ist ein Textilienproduzent, der extrem auf das Thema Nachhaltigkeit achtet, wie auch bei der Produktion selbst, aber auch bei dem Planning und Forecasting, was in Zukunft alles an Bestellungen reinkommen wird, wie die Logistik ist, wie das Warehousing ist. Kannst du auf den Use Case so ein bisschen eingehen? Was habt ihr für Armed Angels umgesetzt?
Thorsten Heilig:
Ja, ich glaube, das Erste, was wir hören, wenn wir hier gut zuhören, ist ja: Es ist super komplex und unsicher. Das taucht immer wieder auf. Es gibt keine einfachen Antworten. Es gibt schnell Stammtischantworten, aber wenn man hinten dran guckt, ist es auch super komplex.
Was wir mit paretos machen, ist Technologie bereitzustellen, die versucht, Unsicherheiten zu reduzieren und die Planbarkeit verbessert. Wir haben die KI Technologien, wir haben neue Technologien, die es ermöglichen, Daten besser zusammenzuführen, um Vorhersagen zu machen und über die Vorhersagen dann bessere Entscheidungen treffen zu können. Das Spannende ist ja, da kommen jetzt zwei Dinge zusammen. Auf der einen Seite ist die Komplexität und die Dynamik extrem groß geworden und die Veränderungsgeschwindigkeit, auch im Konsumverhalten. Auf der anderen Seite haben wir Technologien. Jetzt müssen wir das irgendwie zusammenbringen. Das haben wir in eine Plattform gegossen.
Das Spannende ist jetzt: Was kann ich damit tun? Armed Angels, du hast es angesprochen, und viele andere auch, schauen auch drauf, nach was sie steuern. Am Ende des Tages: Wenn mich jemand fragt, wie kann ich meine Lagerkosten reduzieren, sage ich, ich mache dein Lager zu. Das ist das Günstigste, was du machen kannst. Aber du hast mehrere Ziele, auf die du gehst. Ich bin da voll bei dir. Es ist eben nicht so, du ziehst hier irgendwas und beim anderen passiert nichts. Du kannst nicht einfach das eine reduzieren und hast dann gar keine anderen Kosten.
Jetzt konkret auf Armed Angels zu kommen: Die haben mit unserer Plattform Forecasts gemacht über Demand, also Nachfrage, und zwar wirklich auf Artikelebene genau. Mittlerweile kann man Nachfrage ganz gut prognostizieren, weil es bringt dir halt nichts, wenn du weißt, okay, das wird ein blauer Pulli sein, aber du weißt nicht, welche Größen. Dann hast du die Größenverhältnisse nicht richtig bestellt oder produziert. Oder welcher Aufdruck und so weiter. Also musst du wirklich auf die kleinste Artikelebene gehen.
Das ist erstmal eine sehr große Datenbasis, die du dann hast und die du auch sehr kleinteilig vorhersagen musst. Dann eben Folgeprozesse mit Nachbestellungen. Nachbestellungen sind auch wieder sehr komplex. Je nachdem, wo deine Produzenten sitzen, wie die Supply Chain gestaltet ist und so weiter, gibt es da mehrere Stufen, je nachdem wie lang das dauert, wie viel Mindestabnahme du hast im ersten Batch. Es ist ja auch nicht so einfach zu sagen, ja dann bestell halt weniger und bestell nach. Dann ist nicht verfügbar und dann springt der Kunde ab und kommt vielleicht nicht wieder.
Du hast also ein sehr komplexes Zusammenspiel. Genau diese Vorhersagen plus den Nachbestellungsprozess mit KI Technologie zu automatisieren, um dann auf bestimmte Ziele zu gehen. Ziele können sein: mehr Umsatz, weniger Kosten und eben auch das Thema Nachhaltigkeit, wie kann ich das insgesamt nachhaltiger produzieren und über den gesamten Prozess schleifen. Da hat Armed Angels auch offen gesagt: Der beste Anknüpfungspunkt ist, wenn die Produkte gar nicht produziert werden. Und da kamen ganz spannende Zahlen raus, wenn man eben durch bessere Planung und durch bessere Nachbestellungsprozesse sehr viele Produkte in optimalerer Auflage haben kann für die Konsumenten.
Reza Mehman:
Im Vorgespräch haben wir auch über das Thema Trade off gesprochen, also viele konkurrierende KPIs, die man beobachtet. Was mir auch gar nicht so bewusst war: Du meintest, dass da auch Rechnungen gemacht werden, wenn ich jetzt so und so viel Umsatz mache, brauche ich ja ein neues Lager, das produziert im Verhältnis so und so viel mehr CO2 oder so und so viel mehr Kosten. Mehr Umsatz ist nicht automatisch immer das Beste.
Thorsten Heilig:
Ja, genau, absolut. Also am Ende des Tages, wenn man ein bisschen hinten drankommt. Wir heißen paretos, das kommt von Pareto, kennen wir alle vom 80 20 Prinzip. Der hat aber auch noch eine andere schöne Theorie begründet, das Pareto Optimum. Also ich habe konkurrierende Zielgrößen und dazwischen gibt es eben mehrere optimale Größen.
Das heißt also, wenn ich Richtung Umsatz gehe, ich kann natürlich immer günstiger werden, dann habe ich auch weniger Umsatz, weniger auf Lager, bin mehr out of stock, habe weniger Umsatz zu erwarten. Ich kann teurer werden und so weiter. Da gibt es so Kipppunkte. Das ist keine Gerade, sonst wäre es einfach, sondern das ist eben eine Kurve. Und umso besser wir die vorhersagen und berechnen können, können wir eben zeigen: Es macht vielleicht keinen Sinn, hier jetzt, das hast du ja eigentlich auch in dem Beispiel gesagt, was macht denn Sinn? Wenn mich das Doppelte kostet, wird es den Effekt niemals haben. Viele hören dann auf und sagen, dann mache ich es gar nicht.
Aber vielleicht reicht auch schon eine Aktivität, die eben zehn Prozent mehr ist, um dann wirklich noch mal eben nicht 100 Prozent Effekt zu haben, sondern 85 Prozent. Wenn man das nicht berechnen kann, ist es extrem schwer. Dann kann ich natürlich jedes Mal eine Heerschar an Consultants nehmen, aber das verändert sich dann auch. Das habe ich einmal berechnet und so weiter. Deswegen glaube ich, müssen wir auch lernen, datengetrieben zu entscheiden. Das macht ihr ja auch schon. Das sieht man ja auch an dieser neuen Generation von Retailfirmen. Leider sehen wir auch, was passiert, wenn sehr stark datengetrieben Billigprodukte auf den Markt kommen. Es ist ein sehr kompetitiver Vorteil. Ich glaube, da müssen wir extrem aufholen und es kann sich extrem lohnen, da mehr datengetrieben zu entscheiden.
Banken, ESG und Finanzierung
Reza Mehman:
Sehr interessant. Frederik Haas von der Volksbank, ich weiß, dass ihr sehr stark unterwegs seid im E Commerce Markt und sehr viele E Commerce Unternehmen begleitet. Ich weiß von euch beiden, dass ihr da zusammenarbeitet. Kannst du ein bisschen darüber erzählen, wie wichtig du denkst, ist es momentan für E Commerce Unternehmen, da überhaupt was zu machen, auch vielleicht mit dem Ausblick, ihr müsst ja auch bald so eine Art ESG Rating ausweisen bei der Kreditvergabe und so weiter. Kannst du so einen aktuellen Stand geben, was passiert da gerade?
Frederik Haas:
Ja klar, sehr gerne. Johannes hat gerade eben so schön gesagt, den Endkunden interessiert es überhaupt gar nicht, ob Johannes mit Snocks was für Nachhaltigkeit tut oder nicht. Ich glaube, das hat der Gesetzgeber auch erkannt und hat sich gedacht, wir versuchen dieses Thema doch ein bisschen höher aufzuhängen.
Heißt: Seit diesem Jahr sind wir als Bank verpflichtet, uns über unsere Nachhaltigkeitsrisiken in unserem Kreditportfolio zu informieren. Heißt, jeder unserer Kunden kriegt von uns, Stand jetzt schon, ein ESG Rating, das wir ausweisen müssen, was dann auch wiederum für uns höhere Risikokosten produzieren kann.
Reza Mehman:
Das heißt, am Kapitalmarkt kauft ihr dann teurer ein wahrscheinlich.
Frederik Haas:
Ja, es sind eher unsere kalkulatorischen Risikokosten beziehungsweise Eigenkapitalrückstellungen, die wir bilden müssen.
Was heißt das ganz konkret? Das hört sich jetzt irgendwie so ein bisschen bilanzpolitisch an und ich will jetzt auch gar nicht zu tief reinsteigen. Aber was sind die klaren nächsten Schritte, die passieren werden? Also gerade für E Commerce Unternehmen, die super kapitalintensiv sind, wird das Thema Liquidität immer mehr an diesem Thema Nachhaltigkeit hängen. Also Liquidität wird teurer werden in einem ersten Schritt für Unternehmen, die sich einfach nicht um Nachhaltigkeit kümmern. Und die Frage ist, wenn ich komplett Temu, Shein betrachte, die würden jetzt in Deutschland wahrscheinlich in fünf Jahren keinen Kredit mehr kriegen, weil man sagen kann, wir können diese Nachhaltigkeitsrisiken nicht mit unserem Kreditportfolio vereinbaren.
Deutsche Post DHL über Emissionen und GoGreen Plus
Reza Mehman:
Danke für die Einblicke. Ich würde auch gern direkt an Christoph noch mal eine Frage stellen. Christoph, ich habe von euch oder von dir die Zahl gelesen oder gehört, ich muss hier aufgreifen: Ihr produziert im Jahr circa 30 Millionen Tonnen CO2.
Christoph Hempsch:
Ja genau, wir als Konzern weltweit. Im letzten Jahr waren es, oder vorletzten, ich weiß gar nicht, 33 Millionen Tonnen.
Wir hatten vorneweg gesprochen über den Vergleich, wie viel ist denn das eigentlich? Wir sind jetzt weltweit tätig und der größte Teil dieser Emissionen entstammt der Luftfracht. Nicht nur, weil Temu und Shein möglicherweise mit uns verschicken, sondern auch ganz viele andere europäische Unternehmen weltweit.
Aber um das mal in Relation zu setzen: Der deutsche Verkehrssektor hat in der gleichen Zeit ungefähr 143 bis 145 Millionen Tonnen verursacht. Das heißt, unsere Emissionen weltweit wären ungefähr ein Viertel der Emissionen, die in Deutschland im Verkehrssektor im gleichen Jahr entstanden sind.
Deswegen verschließen wir auch die Augen nicht davor, sondern machen schon seit 15 Jahren was dagegen. Aber wir kamen ja dann auch drauf: Darf man da eigentlich drüber reden, was wir alles machen, wenn auf der anderen Seite immer noch 33 Millionen Tonnen CO2 entstehen?
Oder anderes Beispiel, über das wir vorher gesprochen hatten. Im letzten Jahr wurde in Deutschland schon jedes dritte Paket von uns in der Zustellung entweder mit einem Elektroauto oder mit einem Fahrrad zugestellt. Das ist kein Pilot mehr, das ist kein Leuchtturm, sondern wir haben fast 30.000 Elektroautos tagtäglich im Einsatz, auch hier in Heidelberg. Trotzdem entstehen natürlich auch bei uns in Deutschland für Pakete oder für Briefe die meisten Emissionen im überregionalen Transport mit dem LKW oder in den Gebäuden, die wir betreiben.
Darf man da jetzt eigentlich darüber reden, wie stolz wir darauf sind, dass wir seit 15 Jahren jedes Jahr über 100 Millionen Euro investieren in Nachhaltigkeit? Oder muss man sich eher zurücknehmen und sagen, besser nicht zu laut darüber reden, damit keiner sagt: Ja Moment, aber auf der anderen Seite sind ja noch so und so viele Emissionen da. Das finde ich auch wiederum schwierig. Klar, die Gesetzgebung verpflichtet uns mehr und mehr zu machen. Bei uns sind es auch die Geschäftskunden, die mehr und mehr danach fragen, teilweise die Konsumenten. Aber klar, wir würden auch gerne mehr darüber sprechen.
Reza Mehman:
Also ich bin ganz großer Fan von diesem Häkchen bei euch, GoGreen, dass es so einfach gemacht wird, ein bisschen Veränderung mit anzustoßen. Das würde ich mir auch von anderen Unternehmen wünschen.
Ich habe mal den Vergleich gelesen, das war grob, ich muss mich ganz kurz dran erinnern: Bei einem Auto, die kompletten Stahlteile davon, was es kosten würde, diesen Stahl mit grüner Energie herzustellen. Bei einem Mittelklassewagen würde das ungefähr nur 200 bis 300 Euro mehr ausmachen, den Stahl aus grüner Energie herzustellen. Das ist eigentlich so vernachlässigbar, wenn man bedenkt, ein Auto kostet 50.000 Euro ungefähr. Trotzdem machen das halt viele nicht. Also zumindest bietet ihr es an, GoGreen. Ich glaube, ihr habt auch GoGreen Plus für noch mal größere Kunden, da wird noch ein bisschen mehr gemacht.
Christoph Hempsch:
Ja, der wesentliche Unterschied ist: GoGreen bieten wir schon seit 15 Jahren an und die 0,02 Euro pro Paket, die wir da von Johannes und anderen bekommen, investieren wir in weltweite Klimaschutzprojekte. Also das, was man als Offsetting bezeichnet, was in der Vergangenheit auch gerne mal in der Kritik gelandet ist, weil es nur dann gut ist, wenn man auf der einen Seite schon alles versucht hat, um die Emissionen erstmal zu reduzieren und nur den Rest auszugleichen und auf der anderen Seite, wenn man es auch in hochwertige Projekte investiert. Da gibt es viele schlechte Beispiele für schlechte Projekte.
Seit ungefähr zwei Jahren bieten wir GoGreen Plus an. Das kostet ein bisschen mehr als GoGreen, aber nicht viel. Es sind wirklich Centbeträge. Und der wesentliche Unterschied ist: Das, was wir da mehr einnehmen über GoGreen Plus, investieren wir direkt in noch mehr Emissionsreduktion in Deutschland. Denn nur ein gewisser Umfang an Emissionsreduktion ist für uns wirtschaftlich überhaupt darstellbar. Wenn wir mehr Kunden finden, die sagen, finde ich gut, pro Paket noch mal ein paar Cent mehr und dafür entstehen für meine Pakete so gut wie keine Emissionen mehr, dann stecken wir das direkt in noch mehr Elektroautos, Biogas LKW, Elektro LKW und was es noch so alles gibt.
Kritik an Regulierung und internationale Wettbewerbsnachteile
Reza Mehman:
Mega interessant. Gerade noch mal zu dir, Johannes. Ich weiß, dass du das Thema KI auch sehr im Fokus hast, deswegen gleich zwei Fragen. Noch mal intern bei euch das Thema Nachhaltigkeit. Ich glaube, da hast du auch eine Person eingestellt, die sich explizit drum kümmert. Kannst du kurz drauf eingehen, was sie macht? Und wie integriert ihr das Thema KI bei euch?
Johannes Kliesch:
Ich würde gern noch, was Freddy gesagt hat, dass Kreditvergabe in Deutschland teurer wird durch Nachhaltigkeit, das finde ich das beste Beispiel, was für ein Schwachsinn Nachhaltigkeit auch anrichten kann. Weil was passiert? Wir als deutsches Unternehmen, als Startup, für uns wird es teurer zu refinanzieren. Die Wahrheit ist: Temu und Shein werden ja in Deutschland eh nie einen Kredit aufnehmen. Die refinanzieren sich in China zu günstigeren Preisen. Also wird der Wettbewerbsnachteil für uns als deutsches Unternehmen nur noch größer gegenüber den ausländischen Firmen, die in den deutschen oder europäischen Markt kommen.
Deswegen ist mir das so wichtig. Gerne, wenn es für alle teurer wird, ist es vollkommen in Ordnung. Und ich will ja nicht gegen Nachhaltigkeit an sich reden. Aber was mich nervt an der Politik, ist, dass deutsche Unternehmen abgeschafft werden, aber die ausländischen Firmen, auf die hat man keinen Zugriff und dann passiert nichts. Wir als deutsche Wirtschaft schrumpfen ja auch gerade, andere Nationen wachsen noch, aber wir strafen trotzdem, weil wir nachhaltiger sein wollen, uns selber immer noch mehr ab.
Ich habe gerade gestern wieder eine Statistik gelesen: China macht ein Drittel des weltweiten CO2 Ausstoßes aus und Deutschland deutlich unter zehn Prozent. Wir pushen das Thema immer weiter. Ist ja auch gut, aber wir strafen uns selber immer ab, dass unsere Wirtschaft schrumpft, wir am Ende des Tages als deutsche Nation weniger Geld zur Verfügung haben. Die anderen zahlen keinen Cent Nachhaltigkeitssteuer direkt oder indirekt und die können nur mehr in den deutschen Markt kommen. Das kann doch nicht sein, dass es für uns noch teurer und schwieriger wird, uns zu refinanzieren.
Deswegen finde ich es gut, dass Sachen unternommen werden, aber genau sowas geht sowas von nach hinten los. Das Gleiche war nämlich auch bei uns, als wir Investoren vor zwei Jahren reingenommen haben. Nichts hat so lange gedauert wie deren ESG Report, weil sie uns tausend Fragen gestellt haben. Ich habe gesagt: Wir können alles beantworten, aber was für ein Schwachsinn, wenn wir jetzt hier noch mal drei Monate brauchen, um irgendwelche alibimäßigen ESG Fragen zu beantworten, die wir eh nicht bis ins letzte Detail durchgreifen können, weil meine Fabrik in China, wir können immer mit denen reden und die ganzen Zertifikate, wir haben die alle. Aber ich will euch auch allen sagen: Die Realität sieht so aus. Für die richtige Summe kriegt man jedes Zertifikat in China. Das ist halt wirklich die Realität.
Deswegen muss vor allem in China und weltpolitisch was passieren und nicht, dass wir uns in Ländern wie Deutschland die ganze Zeit neue Regularien intern auflegen. Wir machen zwei Prozent aus. Wir werden die Welt nicht besser machen, sondern wir müssen alle gemeinsam dran arbeiten. Es kann nicht sein, dass China immer mehr feuert.
Und jedes Flugzeug ist einer der größten Verursacher für CO2. Wir als Snocks, wir fliegen gar nichts mehr. 98 Prozent kommt bei uns aus China per Schiff an, extra für die Nachhaltigkeit. Was macht Temu und Shein? Jedes kleine Elektro Gadget wird geflogen, jedes kleine Paket. Das kann doch nicht sein. Da läuft einfach was schief. Was mich nervt, ist, dass wir uns als Deutsche, wir sind da Vorbilder, was ich super gut finde, aber wir schneiden uns die ganze Zeit ins eigene Fleisch und lassen uns von Ausländern den Marktanteil abnehmen. Das finde ich einfach nicht gut und einfach nicht fair.
Nachhaltigkeitsmaßnahmen bei Snocks
Reza Mehman:
Ich muss zugeben, ich hatte ähnliche Diskussionen auch mit anderen Unternehmern. Ich finde auch, das kann man immer alles von verschiedenen Seiten sehen. Das Mindset vieler Unternehmer ist ja auch, muss man sagen, das höre ich auch bei dir raus: Wenn ich es am Ende des Tages hier nicht machen kann, dann muss ich ja woanders hingehen. Das heißt, da müssen wir tatsächlich aufpassen, da die Balance zu halten. Darf ich aber trotzdem mal ganz kurz fragen, was macht ihr nun mal intern bezüglich Nachhaltigkeit und das Thema KI, wie deckst du das ab?
Johannes Kliesch:
Genau, wir haben eine Vollzeitperson drauf, Lisa heißt die Liebe. Die hat mir auch noch mal ein Briefing gegeben, was wir inzwischen alles machen, weil wir echt viele verschiedene Projekte machen.
Ein Thema ist für uns natürlich die Produzenten und die Produktion. Das ist unser größter Schadstoff, wenn man es so will, wo wir am meisten ausstoßen. Da arbeiten wir mit Hilfe von Zertifikaten, um das Ganze sicherzustellen. Wir haben alle Zertifikate, die es so im Textilbereich gibt, Grüner Knopf, GOTS und so weiter. Also alles Mögliche machen wir da. Auch da, ich bin immer super ehrlich: Wir haben diese Zertifikate, wir schicken auch bei jeder Produktion einen Inspection Report, also Leute gehen vor Ort. Aber die Realität ist auch, es findet viel Bestechung in dieser Branche statt und man kann das fast nicht sicherstellen als europäische Einkäufer. Also ja, wichtig, aber man kann da auch ganz schön beschissen werden und das sehen wir bei fast all unseren Konkurrenten.
Dann für uns das ganze Thema Versand. Wenn wir die Produktion abhaken, machen wir es mit Zertifikaten. Wenn die Ware nach Deutschland kommt, ist der größte Hebel eigentlich, dass man alles per Schiff kommen lässt und eben nicht per Flugzeug. Da sind wir bei 98 Prozent, alles kommt per Schiff. Auch da sind wir dran zu gucken, wie kann man das nachhaltiger machen.
Innerhalb von Deutschland klar, DHL GoGreen, alles machen wir da. Auch unsere Verpackung war früher tatsächlich aus Grasverpackung, was schon echt gut war. Jetzt sind wir noch mal einen Schritt weiter gegangen. Jetzt haben wir recyceltes Papier, weil es eine neue Recyclestufe gibt, was noch nachhaltiger ist als Grasverpackung.
Und wir haben tatsächlich auch ganz aktuell: Unsere Unterhosen sind in so Boxen verpackt und wir sind jetzt umgestiegen auf eine Tüte, weil das 90 Prozent der CO2 Emissionen einspart, weil ein Karton einfach schwerer ist. Ist halt auch eine geilere Customer Experience gewesen. War ein riesengroßes Thema. Wir sind jetzt auf eine Tüte umgestiegen, weil wir 90 Prozent einsparen. Und wir haben unsere Kunden gefragt: Was findet ihr cooler? 70 Prozent haben gesagt die Box, 30 Prozent die Tüte. Dann haben wir gesagt: Okay, wir sparen aber 90 Prozent ein, also machen wir es trotzdem, weil wir sagen, wir erziehen die Kunden um und dann gibt es das nur so.
Das sind, würde ich sagen, so mitunter die größten Maßnahmen. Was in der Praxis ganz viele Startups machen: Sie sagen, wir sind klimaneutral, aber zum Beispiel nur die Bürofläche. Kein Problem, wir sind 130 Vollzeitleute auf 72 Millionen Euro Jahresumsatz. Da haben wir auch ausgerechnet, das würde uns im Jahr so 30.000 Euro kosten. Dann könnte ich sagen, okay, ich bin klimaneutral. Das ist im Verhältnis gar nichts. Wir offsetten viel von uns im Büro und haben da nachhaltige Energie, aber wir kommunizieren das nicht, weil es scheinheilig ist. Also wir produzieren in China und bringen die Ware hierher. Nur weil wir 30.000 Euro im Jahr für Offsetting ausgeben, sind wir jetzt nicht klimaneutral, sondern nur unsere Büroräume. Auch da gibt es einfach viel Greenwashing, viel Bullshit.
Wachstum und Strategie bei VLACE
Reza Mehman:
Viola, noch mal zu dir. Was hast du in Zukunft alles vor? Ich habe den Eindruck, du bist am Wachsen mit deinem Unternehmen, finde ich ganz toll. Welche Richtung entwickelst du dich weiter? Ich glaube, du willst den Polyesteranteil verringern, habe ich das richtig verstanden?
Viola Weller:
Ja genau. Bis 2025 ist das Ziel, dass aus den Materialien das Polyester rausgenommen werden kann. Da sind die Produzenten total hinterher. Bis vor zwei Jahren war der Anteil von den Obstabfällen nur bei 30 Prozent. Mittlerweile haben die Produzenten es geschafft, dass es bei 40 bis 60 Prozent pro Material liegt.
Und für VLACE, mein Ziel ist ganz wichtig, offline auch vertreten zu sein, nicht nur noch online zu sein. Da bin ich jetzt auch nächste Woche im Breuninger in Düsseldorf und habe da meinen ersten Offline Auftritt, wo ich total gespannt bin, wie die Breuninger Kunden auch auf VLACE reagieren werden. Da kann ich natürlich noch mal viel besser mit dem Kunden kommunizieren, Feedback einholen von den Kunden, was dem Kunden dann auch wirklich wichtig ist. Das kann ich dann natürlich online auch noch mal mit aufnehmen.
Aber was die Schuhe angeht, die Produktion wird auf jeden Fall in Portugal bleiben. Ich habe jetzt noch zwei neue Produzenten dabei, die noch mal größer sind als mein aktueller Produzent, der nur 25 Mitarbeitende vor Ort hat. Wenn es jetzt in das Wachstum geht, was ich auf jeden Fall sehe und wovon ich ausgehe, brauche ich auf jeden Fall noch ein, zwei größere Produzenten, die jedoch gerade zehn Minuten von meinem aktuellen Produzenten entfernt liegen. Also das bleibt alles regional. Die Materialien kommen weiterhin aus Italien und auch Portugal. Auch die Box ist aus Altpapier hergestellt, da habe ich auch drauf geachtet. Ich versuche einfach, die Vertriebswege weiterhin so kurz wie möglich zu halten und da bin ich in Europa natürlich perfekt aufgestellt.
Reza Mehman:
Ich kann mich erinnern, du meintest mal, da gab es online ein paar Bemerkungen, da haben sich Leute beschwert, dass du mit der Produktionsweise den Leuten das Obst wegnimmst. Man kann auch nichts richtig machen, habe ich das Gefühl.
Viola Weller:
Ja genau. Das ist auch so ein Punkt, was mich immer wieder stört, weil ich merke, in Deutschland, du kannst versuchen und versuchen, in die richtige Richtung zu gehen, aber im Endeffekt wirst du es keinem recht machen können und das ist einfach die Realität.
Reza Mehman:
Wie hast du darauf reagiert, wenn jemand sagt, du nimmst uns das Obst weg?
Viola Weller:
Ich lache eigentlich drüber, weil ich denke mir, ich versuche schon so viel und die Produktionsstätten erstmal in Europa zu finden ist ein großer Schritt, weil der Online Auftritt ganz schlecht ist von den Herstellern in Europa. Also die erstmal zu finden, dann die Materialien zu finden, wo zum Beispiel ein Meter 50 Euro kostet. Im Vergleich: Leder kriegt man für drei Euro den Meter. Also da ist noch mal was. Natürlich wirtschaftlich wäre es natürlich viel lukrativer, einfach Kalbsleder zu nehmen.
Also meine Schuhe müssten auf jeden Fall auch noch mal teurer werden, dass da eine höhere Marge dahinter ist, damit ich noch mal besser wachsen kann. Das ist auch Ziel für dieses Jahr, mit dem Preis langsam nach oben zu gehen, dass die Marge einfach noch mal höher wird, da ich dann noch mal mehr auch in die Materialien stecken kann. Die Materialien werden natürlich auch noch mal teurer, gerade wenn da noch mehr Forschung dahinter liegt.
Reza Mehman:
Du hattest gerade eine Kooperation mit Innocent gehabt. Wie ist es dazu gekommen?
Viola Weller:
Also ich bin über LinkedIn auf Innocent zugekommen und habe wirklich die ganze Marketingabteilung abgegrast, bis mir dann irgendjemand geantwortet hat und ich dann nach München gegangen bin, noch mal meine Idee pitchen durfte. Dann ging es auch letztes Jahr ziemlich schnell los. Die Nachricht ging im Januar, Februar raus. Ich habe auch im Januar erst gestartet, aber mir war klar, ich habe kein Geld für Marketing, ich muss mein ganzes Geld in die Produktion stecken. Da ist es natürlich ein riesiger Hebel mit einem großen Unternehmen, das schon eine Bekanntheit hat und die gleichen Werte vertritt wie ich, da in die Zusammenarbeit zu gehen.
Im September letzten Jahres haben wir dann die Kooperation zusammen gelauncht und ich habe auch gesehen, dass es für mich eine riesige Reichweite ergeben hat. Wir waren beim Rewe, wir hatten Gewinnspiele mit Rewe, mit Edeka und natürlich mit Innocent selbst auch und auch mit Influencern von Innocent zusammen. Das war natürlich richtig cool. Und natürlich auch die Story hintendran. Wir konnten noch mal zeigen, was eigentlich möglich ist, wenn man nicht gegeneinander arbeitet, sondern wenn Industrien zusammenarbeiten.
Und nicht immer schauen, wie auch bei mir, da ist Polyester drin. Das war für Innocent auch erstmal die Frage, können wir da zusammen eine Kooperation aufsetzen? Aber wir haben dann auch gesagt, viel wichtiger ist eigentlich, was man zusammen machen kann, dass man aus euren Apfelresten Schuhe upcyceln kann und da einfach ein Zeichen zu setzen. Ich finde auch, man sollte nicht immer mit dem Finger auf den Polyesteranteil zeigen oder darauf, dass aus Portugal die Schuhe trotzdem noch hierher kommen müssen, weil aus Luft und Liebe kann man keinen Schuh bauen.
Reza Mehman:
Das heißt, du nimmst Abfallreste, Obstabfallreste, keine frische Obstware?
Viola Weller:
Ja genau. Die Orangenabfälle, das ist jetzt mein neuestes Material, die kommen aus Sizilien und in Sizilien gibt es die größten Orangenplantagen. 80 Prozent der Orangen werden gar nicht weiterverarbeitet, die bleiben einfach auf dem Boden liegen und vergammeln dann nach und nach. Und die Orangen werden genommen. Oder aus der Toskana von Weingütern, von zehn Weingütern um meinen Produzenten herum werden die Reste genommen, die nicht mehr für Tierfutter verwendet werden oder für Dünger. So haben wir es auch bei Innocent gemacht. Also alles, was bei dem Pressen des Saftes übrig geblieben ist, ist dann in meine Schuhe gewandert.
KI in der Anwendung und kulturelle Hürden
Reza Mehman:
Sehr cool. Thorsten, wohin entwickeln wir uns gerade mit dem Thema KI? Der Armed Angels Use Case ist richtig cool, aber was wünschst du dir für die Zukunft in diesem Kontext?
Thorsten Heilig:
Ja, ich habe das Gefühl oder die Hoffnung oder ich sehe auch, dass jetzt eigentlich das Jahr der Anwendung ist. Wir sehen ja, wir haben letztes Jahr, glaube ich, alle das erste Mal diese Berührungspunkte gehabt, zu sehen, wie weit die Technologie ist. Die ist aber ja auch nicht letztes Jahr entstanden. Da gibt es viele tolle Entwicklungen.
Wir sehen, dass es viele Vorreiter gibt, wie zum Beispiel die Armed Angels, wie Snocks, wie andere, die sagen: Okay, das ist für uns einfach ein Thema, wir wollen datengetriebene Entscheidungen treffen, wir müssen, wir wollen da viel machen. Wir haben mit HelloFresh einen tollen Case. Also wir haben viele, wo man das vielleicht eher erwartet. Wir sehen es aber auch bei vielen Otto Brands oder Edeka oder auch WIKA, also auch Manufacturing, auch traditionellere Unternehmen, die sagen, das ist für uns ein Riesenthema.
Das ist das, was ich gerade sehe. Ich sehe, dass das viel mehr in die Anwendung kommt, dass viel klarer wird, die Frage zu stellen: Was sind eigentlich relevante Use Cases in meinem Unternehmen? Das ist total fair. Das ist wichtig sogar. Eben nicht zu sagen, KI kann die Lösung sein, sondern differenziert dahin zu schauen, welche Art von KI brauchen wir für welchen Use Case in meinem Unternehmen.
Reza Mehman:
Du hattest auch mal gesagt, nicht jedes Unternehmen möchte aber auch diese Transparenz haben, weil ihr vermesst das Unternehmen ja zuerst. Da gibt es manchmal hier und da, hast du gemerkt, die wollen nicht eine vollkommene Transparenz haben?
Thorsten Heilig:
Ich würde es andersrum sagen. Die technologische Herausforderung bei Einführung von KI, das gilt aber schon immer für Technologie, für Hochtechnologie, Innovationsprojekte oder Transformation, ist die eine Sache. Die kulturelle Herausforderung ist eine andere und die sehe ich eigentlich fast größer. Vor allem jetzt für so eine Plattform, weil die ist ja da und wir können ja zeigen, dass sie funktioniert.
Das heißt, man könnte ja sagen, ist ja ein No Brainer, muss ja jeder machen. Wer will nicht 80, 90 Prozent bessere Forecasts, wer will nicht Millionen sparen? Gerade Effizienzen sind ein Riesenverkaufsargument. Warum dann nicht? Das hat sehr viel mit Transformation zu tun, mit Komplexität der Unternehmen innen. Veränderungen zu schaffen, ist schon eine Veränderung. Deswegen merken wir, deshalb haben wir zum Beispiel auch das Tool so gebaut, um genau diese Challenge mit zu unterstützen, dass man iterativ arbeiten kann, also Use Case für Use Case, und eben nicht ein gesamtes Unternehmen vermessen muss, um dann einzelne Use Cases zu starten. Sondern wirklich gezielt relevante Anwendungsfälle rauszugreifen und darüber Erfolgsgeschichten zu schreiben. Dann kriegst du das Thema auch kulturell gut gestützt ins Unternehmen rein.
Reza Mehman:
Das habe ich jetzt aber nicht ganz verstanden. Wo hapert es denn am meisten? Also kulturell, Mindset Thema, würde ich behaupten. Aber was ist das Problem?
Thorsten Heilig:
Ganz platt gesagt würde ich sagen, es ist wie bei dieser Diskussion um Fehlerkultur, Lernkultur. Dass die oft in Unternehmen fehlt, dass man mutig ist, Fehler zu machen, dadurch Dinge ausprobiert. Das kann man eins zu eins übertragen auf KI Projekte.
Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Ich verkaufe Schuhe und will wissen, wie viel Schuhe von welchem Artikel in den nächsten vier Monaten nachgefragt werden, damit ich besser planen kann. Jetzt führen wir eine neue KI ein, wir kriegen Prognosen automatisiert und die erste Prognose ist vielleicht schlechter als die, die ich bisher händisch mit Excel gemacht habe. Das ist genau der Moment. Dann kann ich sagen, funktioniert nicht und kann es in die Schublade stecken. Oder ich kann sagen, vielleicht stimmt noch irgendwas in den Daten nicht, vielleicht sind die Modelle falsch. Dann kann ich in diese Iteration gehen. Ich kann lernen.
Am Ende ist es genau dasselbe, ob das ein Transformationsprojekt bisher war oder ein KI Transformationsprojekt. Ich werde eine Veränderung des Prozesses herbeiführen und Entscheidungen werden auf einer anderen Basis getroffen. Wir sehen, dass die Unternehmen, die mutig sind, genau daraus sehr erfolgreich werden.
Es gibt bei uns in der Firma das Radieschen Beispiel. Wir haben einen tollen Kunden, normalerweise haben wir recht große Kunden, aber wir haben einen Obst und Gemüsehändler am Tegernsee, der komplett durchdigitalisiert ist. Der Sohn hat gesagt, ich will das alles, ich will nicht mehr um fünf beim Großmarkt stehen, ich mache das komplett digital. Wir wurden connected und haben dann noch KI basierte Nachbestellungen automatisiert draufgesetzt. Sehr spannender Case. Da war das auch so, dass der Mitarbeiter erstmal gesagt hat: Warum soll ich jetzt vier Paletten Radieschen bestellen, das machen wir nie montags. Dann ist die Frage, was passiert dann, wie geht man damit um? Ist es dann eine Sache, die man ausprobiert, ist sie richtig, ist sie falsch? Genau das ist der Moment. Mutig sein. Und am Ende ist es wie bei jedem Veränderungsprozess.
Unternehmer Mindset und Bereitschaft zur Veränderung
Reza Mehman:
Frederik, ihr seid ja viel in Kontakt mit Unternehmen. Wie ist dein Eindruck, wie ist das Mindset der Unternehmen in diesem Kontext? Sind die mutig, probieren die Sachen aus, sind die eher zurückhaltend, warten die eher ab?
Frederik Haas:
Ja, tatsächlich sehr unterschiedlich, was oft mit dem Faktor zusammenhängt. Wir haben es jetzt schon öfter gehört, alles, also jedes Zertifikat, das ich mehr brauche, kostet mehr Geld und die Konjunkturlage kennen alle. Es wird schwieriger, das komplette Marktumfeld wird schwieriger und dann muss nicht nur der Endkunde entscheiden, wie viel ist mir Nachhaltigkeit wert, sondern auch die Unternehmen müssen sich entscheiden, was ist es mir wert. Da ist natürlich die Frage, wer kann das überhaupt stemmen. Wer kann sich das überhaupt erlauben, super nachhaltig zu sein und wer möchte das auch?
Gerade im E Commerce, das immer sehr wachstumsgetrieben war, waren immer schmale Margen. Gerade da war die Frage: Wenn ich zwei bis vier Prozent EBITDA Marge habe im Durchschnitt, kann ich dann überhaupt noch bei einem Produzent in China sagen, ich brauche noch den Grünen Knopf oder was auch immer? Schwierig. Nicht jedes Unternehmen ist in der komfortablen Situation, wo wir zum Beispiel Snocks sehen und sagen können, die haben sich super professionell aufgestellt, die haben einen super Geschäftsverlauf gehabt und die können sich das einfach leisten. Für viele Unternehmen, das merken wir auf jeden Fall, ist das Thema Nachhaltigkeit noch Luxus, was aber eigentlich gar nicht mehr sein dürfte.
Reza Mehman:
Was macht ihr intern bei euch, also gerade wenn ich das gesamte ESG Spektrum anschauen würde?
Frederik Haas:
Ich glaube, was jeder große Mittelständler machen muss, ist, dass wir diese ganzen ökologischen Quick Wins sofort umsetzen. Also alles, was wir tun können. Alle unsere Dächer, da wo wir es dürfen, sind PV Anlagen drauf. Flotte komplett auf Elektro umgestellt, wir versuchen Fahrtwege zu reduzieren et cetera. Das ist immer so die ökologische Perspektive.
Ganz viele Menschen in der Betrachtung schauen ja auch immer nur auf die ökologische Nachhaltigkeit, sehr einseitig manchmal. Für uns ist Nachhaltigkeit auch das Thema wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Gucken wir uns E Commerce an mit Shein und Temu. Was die mit der ganzen Branche in Deutschland machen werden, wissen wir nicht. Wir in der Bankenbranche haben N26, wir haben Trade Republic, die kommen, ob wir das jetzt wollen oder nicht. Also heißt, ein großer Punkt bei uns im Thema Nachhaltigkeit ist auch ein strategischer. Wie müssen wir uns in Zukunft aufstellen, damit wir auch nachhaltig da sein können und nicht irgendwann von N26 aufgekauft werden.
Reza Mehman:
Und noch mal zum Thema Mindset. Wie ist da noch mal dein Eindruck? Ich höre bei Johannes raus, die wollen was machen, haben den Druck von außen, fühlen sich benachteiligt in dem Sinne, was ich absolut nachvollziehen kann. Kannst du noch mal drauf eingehen?
Frederik Haas:
Ja, ich muss jetzt gucken, dass es nicht nach Werbeblock klingt. Was wir merken ist, dass sehr viele unserer Kunden, unsere Unternehmer, unwissend sind. Viele haben einfach Angst vor dem Thema. Wenn wir über das Thema ESG Rating sprechen, ich weiß nicht, wer hier im Raum schon mal so einen Fragebogen von seiner Bank zugeschickt bekommen hat, wo er irgendwelche Kreuze setzen musste zu Fragen, wo er sich denkt, boah, habe ich noch nie gehört, wo er mal seine CO2 Bilanz auf einmal zuschicken soll. Also es herrscht sehr viel Unwissenheit und Respekt.
Wir selber haben zwei Nachhaltigkeitsberater, die nichts anderes machen als Transformationsberatung. Und jeder, den wir ansprechen, hast du Lust, dich mit dem Thema zu beschäftigen, dürfen wir dich an die Hand nehmen und auf dem Weg begleiten Richtung Nachhaltigkeit, der sagt: Ja gerne, ich habe selber keine Ahnung, aber mir ist es Summe X wert, dass ihr mich auf dem Weg begleitet. Da merken wir eine unfassbare Bereitschaft, auch monetär gesehen, nicht nur alibimäßig Berichte zu erstellen. Klar, die gibt es auch, die sagen, ich brauche irgendwas für meine Homepage, dass ich so einen Nachhaltigkeitsbericht habe. Aber der allergrößte Teil sagt: Ey, geil, dass ihr sowas anbietet, mega, wir gehen da mit in die Umsetzung. Wir brauchen jemand, der uns auf diesem Weg begleitet.
Snocks über KI im Alltag
Reza Mehman:
Stark. Mit Blick auf die Zeit: Johannes, meine Frage von vorhin wegen dem Thema KI. Ich kriege es bei dir mit, dass du dich sehr damit auseinandersetzt. Kannst du kurz darauf eingehen? Ich weiß, dass du auch sehr viel testest, immer neue Tools austest. KI ist ja gekommen, auch um zu bleiben. Kannst du da Einblicke geben, welche Gedanken hast du dazu? Weil ich glaube, im E Commerce bist du da führend, was das Geschäft angeht. Wo entwickelt sich das gerade hin?
Johannes Kliesch:
Ja, wir haben zwei Vollzeitleute jetzt seit knapp einem Jahr, die nichts anderes machen, als zu gucken: Anwendungsfälle bei uns im Unternehmen, was können wir machen. Ein Thema, paretos, da machen wir Forecasting, weil das ein Riesenhebel ist, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Wir haben knapp elf, zwölf Millionen Euro Lagerbestand und knapp 1,9 Millionen davon nennen wir Überbestand, also Ware, die wir zu viel bestellt haben. Das ist unterm Strich der größte Hebel. Wenn wir das schaffen, gemeinsam mit paretos, eine Null wird man nie schaffen, aber in Richtung 200.000 hinzubekommen, dann ist das für Nachhaltigkeit geil und dann haben wir KI wirklich in die Anwendung gebracht. Das ist gerade für uns ein sehr großes Projekt.
Sonst haben wir im letzten Jahr sehr viel im Transformationsprozess unserer Leute gemacht. Jeder bei uns von den 130 Leuten soll gut bis sehr gut mit ChatGPT umgehen können. Ob es der E Mail Marketer ist, der seine Mails damit schreiben kann oder auch bei uns die Produktentwicklungsdamen. Wir haben zum Beispiel acht Leute, die die ganze Zeit englische Mails mit den Produzenten schreiben. Dass die bessere Mails schreiben, weil man ChatGPT sehr gut darauf trainieren kann und so weiter.
Jeder hat es mal ausprobiert, aber 50 Prozent ist überhaupt auszuprobieren und dann hast du noch mal 50 Prozent Potenzial, wenn man dazu Prompt Engineering sagt. Also wenn du richtig gut prompten kannst, was ich da eingebe, dass das bestmögliche Ergebnis rauskommt. Da haben wir ganz viele Schulungen gemacht. Den verschiedenen Abteilungen haben wir beigebracht, wie kannst du es nutzen. Und ich sage immer, der Fisch stinkt vom Kopf. Also muss ich auch als Geschäftsführer das nutzen, das vorleben, sonst kann ich es auch nicht von meinen Leuten erwarten. Deswegen saß die eine Vollzeitperson, Leon heißt der, direkt neben mir. Also der Schreibtisch neben mir war Vollzeit AI und jeden Tag habe ich so zehn Minuten mitbekommen: Ey, was geht so in dieser AI Welt ab?
Wir haben dann sehr tiefe integrierte Anwendungsfälle. Noch ein Beispiel ist: Wir sind gestern mit unserem niederländischen Store live gegangen und der ist komplett automatisiert übersetzt. Also auch da gibt es jetzt geile Anwendungsfälle. Du kannst per Knopfdruck eine ganze Webseite übersetzen lassen und es ist extrem gut. Wir launchen gerade noch vier weitere Länder und ohne Mehraufwand, einfach durch KI machen lassen. Das sind gerade so im E Commerce große Anwendungsfälle.
Letztes Beispiel: Kundenservice. 49 Prozent aller Kundenservicetickets haben wir jetzt im März komplett automatisiert beantworten können. Also knapp die Hälfte aller Tickets. Bei uns gehen am Tag tausende Tickets ein. Wir haben knapp zwölf Vollzeitleute auf dem ganzen Thema Kundenservice, die von früh morgens bis spät abends da sind. Auch das haben wir jetzt geschafft. Letztes Jahr sind wir mit knapp zehn Prozent gestartet, wir sind jetzt bei 49 Prozent. Ich glaube, da schafft man Ende des Jahres Richtung 60 bis 70 Prozent. Also da sieht man: Alles, was man sich überlegt in Textform, was man macht, also E Mails schreiben, Kundenservice und so weiter, da ist der Automatisierungsgrad gerade schon sehr hoch und die Anwendungsfälle funktionieren sehr gut.
Alles, was so Richtung Bild, Video und sowas geht, sind coole Sachen, die man mal einem Freund zeigt, aber in der Praxis kann man das noch nicht wirklich verwenden.
Abschluss
Reza Mehman:
Mega stark. Ich danke euch allen für die Insights. Ich versuche in der Zeit zu bleiben und jetzt haben wir schon 12 Uhr. Erstmal herzlichen Dank von meiner Seite aus!
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